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Weihnachtsmärkte München

Ein Streifzug durch die Christkindlmärkte Münchens

 

Mehr als nur Glühwein und Geschenke

 

Münchner Christkindlmarkt 2015

Der Münchner Christkindlmarkt 2015

 

Glühwein und Geschenke? Auf Münchens Christkindlmärkten gibt es mehr als das

Sie kennen das Spiel: Kaum ist der Sommer vorbei, geht alle Jahre wieder die Weihnachtszeit los. Und sie ist meistens nicht so entspannt, wie man sich das wünscht. Eine Möglichkeit für eine kleine Auszeit bieten die Weihnachtsmärkte – bei ein paar Glühwein und gemütlichem Stöbern lässt der Stress für eine Weile nach. Ein Besuch auf Christkindlmärkten in München lohnt sich aber nicht nur deshalb. Die folgenden Kurzporträts sollen zeigen, was man auf Münchens Weihnachtsmärkten außerdem entdecken kann: Interessante Menschen.

 

Crambambuli beim jungen Geschäftsmann 

Ein Glühwein-Stand in der Weinstraße in München. Wie passend. Dafür will sich etwas anderes erst nicht so gut ins Bild fügen: Der Mann, dem der Stand gehört  ist erst 24. Aber möglicherweise verkauft gerade er, der zum ersten Mal dabei ist, den Rolls Royce unter den Glühweinen in München. Er ist ein Jungunternehmer, der den Eindruck hinterlässt, er hätte mehr Ahnung vom Geschäft als einer von denen, die seit Jahren am gleichen Ort ihr Weingemisch verkaufen. Aber wie kann das sein?

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Sebastian Willenborg an seinem “Crambambuli”-Stand. Foto: lvp

Sebastian Willenborg hat das “Jahrmarkt-Geschäft” quasi mit ins Kinderbett gelegt bekommen, als er in München als Sohn von Heinrich und Gabriele Willenborg auf die Welt gekommen ist. Die beiden sind nämlich seit 1960 mit Riesenrädern “on tour” und jedes Jahr auch auf dem Oktoberfest vertreten. Und Sebastian Willenborg hilft mit.

Weil er es sich aber nicht zu bequem machen wollte, entschied er sich dazu, Eventmanagement zu studieren und sich mit einer eigenen Geschäftsidee selbstständig zu machen: Crambambuli. Wenn Willenborg Junior das Wort ausspricht, klingt es ein bisschen so, als würde er gleichzeitig auf einem Plätzchen herumkauen. Es ist ein relativ langes, aber flott ausgesprochenes Wort. Der Begriff stammt aus dem 15. Jahrhundert, damals stand er für eine rotfarbige Spirituose, die in Danzig hergestellt wurde. Willenborg wollte passend zu dem alten Namen ein traditionelles, natürliches Produkt und dachte sich ein Rezept aus, in dem ein guter Wein aus der Pfalz, ein paar Gewürze und vor allem viel weniger Zucker enthalten ist, als in den meisten Glühweinen. Außerdem sind alle Zuataten Bio. Bei dem Begriff “Bio” fügt Willenborg hinzu: “Es sollte kein Propaganda-Mittel sein. Es ging darum ein qualitativ hochwertiges Produkt auf den Markt zu bringen.” Der heiße Wein soll eben nicht nach zuckrigem Glühwein schmecken, sondern nach “Crambambuli”. “Außerdem ist es wichtig, sich ein Produkt zu überlegen, das es noch nicht gibt. Es muss sich von anderen abheben.”

 

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Aus dem kleinen Crambambuli-Fass gibt’s für den, der möchte, noch einen Schuss Rum auf den Glühwein. Foto: lvp

 

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Im “Crambambuli” steckt nur Bio drin. Außerdem ist das Getränk vegan. Foto: lvp

 

Um aber ein guter Geschäftsführer eines Marktstandes auf einem Weihnachtsmarkt zu sein, muss man auch gern mit Menschen zu tun haben wollen. Und Willenborg liebt es, mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen. Was ihm bei seiner positiven Ausstrahlung nicht schwer fällt. Oft sind es ältere, verwitwete Damen, die davon profitieren: “Gerade in der Weihnachtszeit kommt die Familie zusammen, und das ist für jemanden, der allein ist, nicht so einfach. Es ist schön, sich mit den Leuten zu unterhalten und sie glücklich machen zu können.”

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Der Blick aus Willenborgs “Crambambuli”-Stand in der Weinstraße in München. Foto: lvp

Aber auch Willenborg kann traurig werden. Zum Beispiel, wenn nach dem 24. Dezember alles wieder vorbei ist. Er ist zwar nicht der größte Weihnachtszeit-Fan und ohne Schnee kommt in ihm das Gefühl sowieso nicht auf –  trotzdem ist es heuer eine besonders schöne Zeit gewesen, in der er viel positives Feedback bekommen hat. Die Premiere auf dem Weihnachtsmarkt in München lief sogar besser als gedacht: “Unsere Flaschen werden schon in der Welt verteilt. Neulich kam ein Scheich aus Saudi-Arabien, der hat 20 Crambambuli-Flaschen gekauft.” Immerhin kostet eine 12 Euro. “Und es gibt viele Besucher, die extra wegen des Crambambulis wieder kommen.”

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Willenborgs “Crambambuli” in der Weinstraße in München. Foto: lvp

 

 

Der Waffenhändler mit Witz

 

Es gibt eine Sorte Waffenhandel, die umstritten ist. Es gibt aber auch die Sorte Waffenhandel, in der der 40-jährige Ulrich Steinhauser tätig ist: Der Handel mit mittelalterlichen Dolchen, Messern und Rüstungen. Auf dem Mittelaltermarkt am Odeonsplatz in München gehören ihm zwei Stände: Einer mit seinem Waffenarsenal , der Stand des Schirrmeisters – und ein Stand, an dem Essen, das den Namen “Schwertgeschnetzeltes” trägt, verkauft wird.

Der gebürtige Freisinger war als kleiner Junge Fan von Cowboys, hat dann Kfz-Mechanik gelernt und ist letztendlich der Schwertkämpfer geworden, der er heute ist. Ein gutes Beispiel dafür, dass es gar nicht so einfach ist, seine Berufung zu finden. Wenn diese dann aber Beruf, Hobby und Sport vereint, dann könnte man meinen, das ist wie ein Ass im Kartenspiel. Dass es nicht ganz so einfach ist, versteht man erst, wenn man mit Steinhauser ins Gespräch kommt.

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Eintauchen in die Waffenwelt des Mittelalters kann man am Stand des Schirrmeisters Ulrich Steinhauser. Foto: lvp

Zunächst aber kommt eine junge Frau zu dem 40-jährigen an den Essensstand und will bestellen. Sie macht versehentlich den Fehler, ihre Bitte wie eine Frage zu betonen. “Also wissen Sie, wenn Sie etwas bestellen möchten, dann müssen Sie schon mit ihrer Stimme am Satzende nach unten gehen”, verbessert Steinhauser sie. “Sonst ist es eine Frage. Bei einer tatsächlichen Frage geht man mit der Stimme am Satzende nach oben.” Er lacht sich in den Kragen seiner Kutte, während er noch einen Klecks Quark auf das Geschnetzelte gibt. Die Kundin findet es entweder nicht lustig oder sie versteht es nicht – sie presst ihre Lippen aufeinander und schweigt. Steinhauser hat Humor, wenn es auch etwas kühler Humor zu sein scheint. Als er weiter erzählt, stützt er seine Arme lässig auf die erhöhte Ablage und wenn Kunden kommen reagiert er erst, sobald sie ihren Mund aufmachen. Steinhauser lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen.

Seit zwölf Jahren ist er in der Mittelalter-Szene, alles fing an mit Hobby-Besuchen auf Veranstaltungen wie dem Kaltenberger Ritterturnier. Aber weil Schwertkampf nicht alleine funktioniert, hat Steinhauser sich mit einem Freund zusammengetan. Sie haben sich zu einer “Gemeinschaft kompetenter Akteure” zusammengeschlossen, die sich “historia perita” nennt. Steinhauser übersetzt den Namen mit “In der Geschichte aufgehen” oder auch “Geschichte mit allen Sinnen erleben”.

Die zwei Männer führen zusammen eine Art mobiles Museum – ein Zelt mit Ausstellungsstücken aus dem Mittelalter – lassen sich für Schaukämpfe engagieren und klären die Gesellschaft über Irrtümer im Bezug auf das Mittelalter auf.  Laut Steinhauser waren die Menschen in der Epoche vom sechsten bis 15. Jahrhundert beispielsweise nicht solche Manier-Schweine, wie man sich das heute vorstellt. “Sie hatten sehr wohl gepflegte Tisch-Manieren.” Oder, dass europäische Ritterschwerter “stumpfe klumpe Prügel” waren und asiatische Schwerter die Topwaffen: “Das ist definitiv nicht richtig. Die asiatischen Schwerter waren schon gut, konnten mit einem europäischen Schwert aber niemals mithalten.”

“Die Waffen sind nicht dafür konzipiert worden, um jemandem weh zu tun.”

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Beile, Schwerter, Rüstungen: Steinhausers Waffenarsenal ist vielfältig. Foto: lvp

Geschliffen sind die Klingen der Waffen von Steinhauser nicht, sonst könnten sie nicht verkauft werden. Da die Gegenstände “nicht dazu konzipiert worden sind, um jemanden weh zu tun”, wie Steinhauser erklärt, gehören sie nicht zu den Waffen, deren Besitz in Deutschland verboten ist. Trotzdem: “Man darf nicht vergessen, dass ihre Grundstruktur gefährlich ist”, betont Steinhauser. “Es ist eben schon so, dass sich auf der Welt alle die Schwerter auf den Kopf hauen.” Steinhausers Waffen werden nur an mindestens 18-Jährige verkauft. “Außerdem hat der Käufer die Anweisung, hier auf dem Platz des Weihnachtsmarktes den Säbel nicht zu schwingen. Würde das jemand tun, würde ich ihm die Waffe sofort wieder abnehmen.” Grund zur Sorge gibt es für die Besucher des Mittelaltermarktes insofern keine.

Die Szene derjenigen, die wie Steinhauser geschichtliche Szenen nachstellen – auch “Reenactement” genannt – wächst laut Steinhauser stetig.  Sie ist zwar ähnlich wie das “LARP” (Live Action Role Playing), aber der Unterschied liegt im Detail: Bei “LARP” beispielsweise geht es auch darum, in Rollen zu schlüpfen, aber es ist wirklich alles möglich: An den Rollenspielen nehmen Drolle und Zeitreisende genauso teil wie Ritter. Steinhauser ist nur bei den authentischen Kämpfen dabei. Also in denen nur gegeneinander kämpft, wen es in der Vergangenheit schon mal gegeben hat. Wie eben Kreuzritter und Musketiere. Diese Gruppen lassen sich in verschiedene Epochen unterteilen: in die, die freie Kämpfer sind und solche, die wie Steinhauser Kämpfe für die Bühne einstudieren. Eine komplexe und spektakuläre Welt. “Mein Kollege und ich ziehen das allerdings mit Humor auf, das geht dann mehr so in die Richtung von Bud Spencer und Terrence Hill”, erklärt Steinhauser mit einem Augenzwinkern. “Wir haben ja auch ein Ferienprogramm für Kinder und da ist das Martialische einfach Fehl am Platz.”

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Des Ritters Rüstung: Ein “Korinther Helm”. Foto: lvp

Solange nicht Urmenschen oder Astronauten mehr Aufmerksamkeit erzielen, will Steinhauser  mit seinem Job weitermachen wie bisher und auch in Zukunft auf dem adventlichen Mittelaltermarkt mit seinen Ständen vertreten sein, obwohl er eigentlich kein Fan der Weihnachtszeit ist. Denn erst am 24. Dezember kommt Steinhauser nach Hause nach Unterrohrbach bei Eggenfelden, zu seiner Frau und seinen zwei Kindern. “Dann bin ich erstmal platt und am Nachmittag stell’ ich fest: Huch, es ist ja Weihnachten.” Seine sieben und neun Jahre alten Kinder sind mit der Situation nicht glücklich, “aber sie verstehen es”, sagt Steinhauser. Er ist ja schon auch ein cooler Papa, wenn er sein Geld auf Mittelalter-Veranstaltungen mit Waffenhandel und Schaukampf-Auftritten verdient.

 

Ein Mann, der von gefesselten Frauen mit Intim-Piercings lebt

 

Frauen mit großen runden oder spitz geformten Brüsten, mit oder ohne Nippel- oder Intim-Piercing und nackten gefesselten Beinen: Am Weihnachtsmarkt-Stand von Werner Frank gibt es Erotik zum mitnehmen. Genauer gesagt: Zurecht geschnitzte Frauenkörper. Klingt im ersten Moment abschreckend, aber wenn man genauer hinsieht, stellt man fest: In Franks Kunstwerken stecken in Wahrheit wunderbare Werte.

Der 50-Jährige hat die Mosaikkunst gelernt und kreiert mit seiner Frau Carmen erotische Skulpturen. Seit acht Jahren hat das Paar eine aufeinander abgestimmte Arbeitsteilung: Im Atelier im Münchner Stadtteil Giesing macht er im Jahr bis zu 500 Skizzen, schnitzt das Holz zurecht und seine Frau bemalt die Figuren.  Unter anderem stellen sie die Figuren auf dem Weihnachtsmarkt an der Münchner Freiheit aus. Sie sind bis zu einem Meter hoch und jede ist ein Unikat. Wie in der Wirklichkeit. Von Schönheitsidealen hält Werner Frank nichts. Für ihn sind alle Frauen schön. “Meine Frau zum Beispiel, ist vielleicht kein Modelltyp, aber sie hat eine sehr schöne Figur”, sagt er. Seine Frau ist seit 30 Jahren an seiner Seite. Frank findet, dass jedes Alter, jeder Lebensabschnitt Veränderungen am Körper bringt, die einfach dazugehören. “Den Körper eines Mädchens formt die Natur, den Körper einer Frau formt das Leben”, steht auch auf dem Flyer geschrieben, mit dem die beiden Künstler werben. “Wenn alle gleich aussehen würden, wäre das doch langweilig.” Eine Botschaft, die Frank den Käuferinnen und Käufern seiner Kunstwerke mitgeben will. 

” ‘BDSM’ ist eine Lebenseinstellung.”

In der Fetisch-Szene, die er und seine Frau in ihrer Kunst aufgreifen, ist jede Körperform willkommen, erzählt er. Das sei auch der Grund, weshalb es viele Anhänger gibt: Es ist die Freiheit, sich keine Gedanken darüber machen zu müssen, wie man aussieht. “Ein Modedesigner braucht einen Kleiderständer. Er fertigt seine Mode in einer Größe an, und wenn die Kleidung dem Modell nicht passt, taugt das Modell nichts. Das ist schade.”

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Der Künstler Werner Frank in Gesellschaft erotischer Frauenkörper. Foto: lvp

Die Franks wollen aber mehr vermitteln, als die Schönheit jeder einzelnen Frau: Spaß an Erotik. “Bondage” ist für die einen ein gängiger Begriff, für die anderen eine fremde Welt. Grundsätzlich geht es bei “Bondage” ums gefesselt werden und dadurch in Knechtschaft des anderen zu sein. Es ist eine der Praktiken des “BDSM”, das für „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“ steht. Das sind alles miteinander verwandte, sexuelle Vorlieben.

Als der Film “Fifty Shades of Grey” in die Kinos kam, war BDSM das Gesprächsthema schlechthin. In dem Film geht es um eine Frau, die sich in einen Mann verliebt. Um aber mit ihm zusammen sein zu können, muss sie sich beim Sex von ihm fesseln, knebeln und auspeitschen lassen. 

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Werner Frank mit seiner Frau Carmen in einer Fotomontage auf dem Flyer. Foto: lvp

 

“Es gibt Parallelen. An sich hat der Film aber nichts mit der tatsächlichen ‘BDSM’-Szene zu tun. Die hat es auch schon vorher gegeben, außerdem wird es im Film als Krankheit dargestellt, dabei gibt es gar keinen Grund, denjenigen zu heilen. Ähnlich wie mit der Homosexualität“, erklärt Frank. Durch den Film hätte sich manchen zwar ein Türchen geöffnet, diese Leute würden jetzt öfter einen Sexshop besuchen. “Aber das ist bloß eine Modeerscheinung. In Wirklichkeit ist ‘BDSM’ aber eine Lebenseinstellung.”

“Bondage steht für Vertrauen, Sicherheit und Gesundheit.”

“Bondage”, meint Frank, steht für Auffassung, Vertrauen, Sicherheit und Gesundheit. Die Skulpturen sollen deshalb auch als Glücksbringer verschenkt werden können. Wie die Kunden letztendlich über die Kunstwerke denken, hängt von ihrer Offenheit ab und wie sehr sie sich auf etwas einlassen wollen, das ihnen möglicherweise fremd ist. Frank erzählt, dass es hin und wieder vorkommt, dass manche Leute seine Kunst als Frechheit ansehen. So könne er Frauen nicht zeigen, das sei völlig daneben. Und dabei kann man sich gerade in der stressigen Weihnachtszeit so gut von Franks entspannter Art anstecken lassen. “Mein Lebensmotto ist: Dein Ding ist nicht mein Ding, aber es ist ok”, sagt er, als wäre das selbstverständlich.

Als Künstler ist es aber ohnehin Franks Ziel, zu berühren, ganz gleich auf welche Art. Nur belehrt werden will Frank nicht. Außerdem hing zu Beginn in Franks kleiner Holzhütte ein nackter, gefesselter Frauenkörper von der Decke. Und zwischen den anderen Figuren stand eine, die am Körper mehrere Piercings hatte, die alle mit Ketten verbunden waren. Wenn das mal nicht der Höhepunkt der Provokation ist. Diese beiden Figuren wurden als erstes verkauft. Frank muss bei dem Gedanken daran ein bisschen schmunzeln.

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Der Künstler Werner Frank mit seinen Kunst-Objekten. Links ist seine Lieblingsfigur zu sehen: Ein Engel mit Harfe. Foto: lvp

 

Eine andere Figur aus seiner Sammlung zeigt eine Königin, dessen rechte Brust nicht von ihrem Gewand bedeckt wird und die einen Piercing im Intim-Bereich trägt. Ein Pärchen mittleren Alters kommt an den Stand von Frank und mustert die Figur neugierig. Frank geht in die Offensive: “Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, welche Gelüste in einer Königin schlummern?” Das Paar muss lachen. “Jetzt wird’s interessant”, meint die Frau. Man kann das Paar fast denken hören: Ja, stimmt eigentlich. Wieso sollte nicht auch eine vornehme, wichtige Person Lust auf wilden Sex haben?

“Leben in München ist eine Katastrophe für Künstler.”

Eigentlich nur logisch, dass auch Frank  und seine Frau dieser Art von Sexualität offen gegenüberstehen. Ein Künstler, der etwas macht, von dem er nicht viel hält, wäre wohl eine absolute Ausnahme. Frank trägt deshalb auch den “Ring der O”, ein Ring, den Anhänger des “BDSM” tragen.

Von der Kunst zu leben, ist schwierig. Selbst wenn die Skulpturen zum Teil immerhin knapp unter 1000 Euro kosten. In München sei es sogar eine Katastrophe, sagt Frank. Wegen der hohen Miete und zu weniger Parkmöglichkeiten, um Kunstobjekte von A nach B zu bringen. Und auch die Räumlichkeiten für Kunstausstellungen würden weniger werden. “München legt wenig Wert darauf, seine Künstler hier zu halten.” Aber selbst wenn Frank eines Tages 100.000 Euro gewinnen würde, würde er 70.000 Euro davon wieder für Materialien ausgeben.  Und ein anderer Job ist für Frank keine Alternative: “Auch wenn es ein Kampf ist: Wenn man die Kunst liebt, kann man nicht anders.”

Übrigens kann Frank die Weihnachtszeit überhaupt nicht leiden. Und warum? “Weihnachten geht ja schon im August los. Die Freude ist bis Weihnachten wieder vorbei. Und dann die Rennerei, das Geschenke kaufen, das Hin und Her. Schrecklich.” Außerdem kann Frank den Konsumrausch nicht verstehen. Auf dem Weihnachtsmarkt an der Münchner Freiheit fühlt er sich aber wohl. Wegen der Ruhe. Das Publikum ist angenehm und nimmt sich Zeit.

 

Eine Frau, die kleine Gesten verkauft

 

Sie sind nicht größer als drei Zentimeter, ihre feinen Federgewänder zittern im Luftzug und zeigen permanent einen Kussmund: Die Federengel von Michaela Linder. Sie hängen wie stehen gebliebene Regentropfen an ihrem Stand von der Decke. Der Stand trägt die Nummer 15 und gehört zu den vielen anderen, die auf dem Münchner Christkindlmarkt am Marienplatz schmale Gassen bilden. Während fast vier Wochen schieben sich hier tausende Menschen durch, die zwischendrin stehen bleiben, sich umsehen, dann weiter schlendern, sich einen Glühwein kaufen, an der nächsten Ecke eine Bratwurst und an Linders Stand altdeutschen Weihnachtsschmuck, Strohsterne oder eben: Federengel.

Es ist aber nicht selbstverständlich, dass die Besucher des Weihnachtsmarktes nach 40 Jahren immer noch kleine weiße Engelchen kaufen können, denn dafür musste die 44-jährige eine gar nicht so leichte Entscheidung treffen.

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Michaela Linder hinter ihren selbst gebastelten Engeln. Foto: lvp

Fast zehn Jahre lang half Linder ihrer Tante, als dieser damals noch der Stand gehörte. Dann kam der Tag, an dem die Tante den Stand aus Altersgründen nicht weiter führen konnte. Entweder jemand würde das Geschäft übernehmen, oder die Engel-Produktion würde an diesem Punkt ein Ende finden. “Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das aufhört von heute auf morgen“, erzählt Linder. Sie wollte den Stand unbedingt am Leben erhalten. Einziges Problem: Linder hatte eigentlich einen Job als Innenarchtitektin. “Zwei Jahre lang habe ich die Jobs also parallel gemacht. Irgendwann hab ich dann gemerkt, zusammen funktioniert beides nicht so richitg.” Sie entschied sich für die Engel und gab den Job als Innenarchitektin auf. Linder erzählt das, als würde sie von einem entspannten Herbstspaziergang sprechen. Und dabei fällt ihr eine Seite der kinnlangen Haare ins Gesicht. Das stört sie ebenso wenig wie die Tatsache, dass sie eine ihrer Leidenschaften aufgeben musste.

Linders Unaufgeregtheit ist auch einer der Gründe, warum sie so gut auf den Weihnachtsmarkt passt. Und ihre fröhliche, freundliche Ausstrahlung. Außerdem gehört sie absolut nicht zu der Kategorie der “Weihnachtsskeptiker”, die es durchaus auch auf Weihnachtsmärkten gibt. Für sie ist Weihnachten weder kitschig noch überflüssig. Es gibt trotz des Geschenke-Wahns auch viele Leute, die sich über kleine Gesten freuen, hat Linder festgestellt. Und genau diese kleinen Gesten kann man bei ihr kaufen. Ab etwa sechs Euro.

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Der Stand von Michaela Linder am Münchner Marienplatz. Foto: lvp

“500 Köpfchen,  500 Ärmchen, 500 Federn.”

Weihnachten nicht zu mögen wäre aber auch unsinnig, weil für Linder zwangsweise nicht nur an Weihnachten selbst Weihnachten ist. In ihrer Werkstatt in Scheyern im Landkreis Pfaffenhofen bastelt sie das ganze Jahr über Engelchen. Oft produziert sie 500 an einem Stück. “500 Köpfchen, 500 Ärmchen, 500 Federn.” Für diejenigen, die stutzen: Es sind 500 Ärmchen, weil ein Paar Arme meistens aus einem Stück besteht.

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Jeder Engel ist besonders: Ein Engel mit Stern und ein Engel in Gewand. Foto: lvp

Die Idee mit der flaumigen Feder an dem bemalten, kugelrunden Holzkopf, der an einem Faden hängt, hatte Linders Tante vor 40 Jahren. Ihre Nichte hat den Gedanken weiterentwickelt. Während es früher nur schlichte Engelchen gegeben hat, kann man an Linders Holzbude heute Engel in vielen Varianten kaufen. Sei es ein Engel mit Sternschnuppe, Kettchen, Krone oder die Gothik-Variante: Ein Engelchen mit schwarzer Feder. Was sich nach einfacher Bastelei anhört, ist aber ein Handwerk, das man lernen muss, sagt Linder. “Der erste Versuch, so einen Engel zu basteln, geht hundertprozentig daneben.” Immer wieder aber sagen Besucher, die an Linders Stand vorbeikommen: “Ach das ist alles so einfach, das kann man auch selber machen.” Inzwischen weiß es aber eine Kundin besser, die erst vor kurzem aus dem Nichts zu Linder an den Stand kam und sagte: “Ich habe es ausprobiert und es ist wirklich nicht so einfach. Meine Engel sind auch nicht so schön geworden, wie ihre. Jetzt kauf’ ich sie wieder hier.“

“Jetzt greifen Sie mal richtig in die Mandeltüte!”

Etwas schönes passierte Linder auch im vergangenen Jahr. Es ist ein Beispiel dafür, wie harmonisch die Weihnachtszeit sein kann: Ein Mann fragte sie, ob er noch ein längeres Stück Faden zum aufhängen seines Engels haben könne. Linder schenkte dem Mann ein Stück Dekorationsfaden. “Das macht mich nicht arm und ihn nicht reich.” Wenige Minuten später kam der Mann mit einer Tüte frisch gebrannter Mandeln zurück, hielt sie Linder hin und sagte: “Jetzt greifen Sie mal richtig rein!” 

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Einer von Linders Federengeln. Foto: lvp

 

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Immer fröhlich: Michaela Linder. Foto: lvp

Seit vier Jahren verdient Linder in der Weihnachtszeit ihren Lebensunterhalt. Sie hat zwei Kinder und einen Ehemann, der dafür den Part des Innenarchitekten übernimmt. Elf Stunden Arbeit investiert Linder jeden Tag, besonders an den Wochenenden, in das Geschäft mit den Engeln. Zwei Stunden muss sie außerdem in die Fahrzeit von Scheyern nach München und wieder zurück investieren. Und seit einem Jahr führt sie zudem einen Online-Shop. Dessen Bekanntheit muss sich aber erst noch rumsprechen.  Die Chancen stehen aber nicht schlecht, denn Linder liefert auch Engelchen an andere Marktstände – unter anderem nach Nürnberg, Augsburg, Leipzig und Regensburg. Und sie stellt auch Sonderanfertigungen her: Engelchen mit Tennis-Schläger, Skiern oder mit Doktor-Hut – hat sie alles schon gebastelt. Außerdem gibt es Sammler, die Jahr für Jahr zwei oder drei neue Engel kaufen und ihren Baum fast nur noch mit kleinen Engeln schmücken. Das ist gleichzeitig Linders Motivation, immer wieder neue zu basteln. Auch wenn das bedeutet, dass sie viel arbeiten muss. Bedauert werden will sie nicht. “Mir würde richtig was fehlen, wenn ich das nicht machen könnte. Ich finde es hier schön und mein Plan ist, noch viele Jahre damit weiter zu machen.”

Luca von Prittwitz