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Balkanroute – Merkur-Reporterin Christine Ulrich berichtet live aus dem Flüchtlingsgebiet

Bericht von der Balkanroute: Merkur-Reporterin war vor Ort

Samstag, 7. November, 14.10 Uhr:

“Wieder daheim angekommen. Schwer, alle Eindrücke, Informationen, Gefühle zu sortieren. Es bleiben so viele Szenen im Kopf, so viele Gespräche. Ich bin sehr froh, diesen Teil des Flüchtlingsthemas mal mit eigenen Augen gesehen zu haben. Und ich überlege ständig, wie sich die ganze Lage verbessern ließe.
Grundgedanken eines Fazits:

1. Diese Hoffnung der Menschen! Trotz allem Elend hatte ich den Eindruck, die Gesichter werden fröhlicher, je mehr sie sich von Serbien entfernen und Deutschland nähern. Dazu dieses magenumdrehende Gefühl zu wissen, dass es hier oft nicht so rosig für sie wird, wie sie glauben: Erstmal werden sie verteilt, ohne mitbestimmen zu dürfen, und müssen monatelang warten.

2. Der ‘Flow’, der ‘Fluss’ der Menschen durch die Länder, muss weiter verbessert werden. Es fehlt ja schon an Kommunikation zwischen den Beamten, wann ein Zug ankommt. Doch auch die Verfahren an den einzelnen Stationen müssen reibungsloser werden, vor allem in Serbien. Und die Frage bleibt: Warum wird nicht eine feste Strecke von der Türkei bis nach Deutschland installiert, so dass nicht mehr tausende Menschen im Meer sterben, unterwegs frieren, herumirren, von Banditen abgezockt und bedroht werden müssen?

3. Was passiert in den Balkanländern, wenn Deutschland die Grenzen schließt? Wie sollen sie den Rückstau bewältigen, wenn tatsächlich weitere 400.000 Menschen auf der Flucht sind? Alle brauchen große Kapazitäten an winterfesten Quartieren, tausende Plätze – so dass ​niemand​ mehr stundenlang im Freien warten muss. Ab sofort.

4. Wenn der ‘Flow’ schneller und menschenfreundlicher wird: Wann sind die Sammelbecken Deutschland, Österreich, Schweden voll? Inwieweit verlangsamen das Chaos und der Rückstau bisher noch das Überlaufen? ​Gewinnt ​Deutschland Zeit, indem die Grenzübergänge so kompliziert zu passieren sind?

5. Nur eines glaube ich nach all den Begegnungen mit den Menschen nicht: dass es eine nennenswerte Anzahl von der Flucht abhält, wenn Europa versucht, sie abzuschrecken. Die allermeisten werden trotzdem kommen. Vielleicht hat es den Prozess beschleunigt, dass Kanzlerin Merkel so deutliche Willkommens-Signale ausgesandt hat. Aber passiert wäre er ohnehin. Wer begibt sich in Lebensgefahr, wenn er nicht muss? Viele Syrer haben jahrelang zuhause ausgeharrt oder in den Flüchtlingscamps im Libanon und der Türkei. Das geht sicher, solange Hoffnung besteht, dass der Krieg daheim bald endet. Aber jetzt?

6. Nicht nur Syrien. Auch aus Afghanistan und Irak habe ich schauderhafte Geschichten gehört​, meist wegen des islamistischen Terrors​. Doch selbst wer nicht vor Bomben und Vergewaltigung geflohen ist: Hat nicht jeder Mensch das Recht auszuwandern, anderswo seinen Hunger zu stillen, sein Glück zu suchen? Ich würde das doch auch machen, wenn ich mich gezwungen sähe. Und trotzdem wollen die meisten gern in ihre​ Heimat zurückkehren und diese neu mit aufbauen, ​wenn es geht. In den Balkanländern spricht man fast nur von ‘immigration’, Einwanderung. In Deutschland und Österreich hält man überwiegend an den ‘Flüchtlingen’ fest.

7. Klar scheint, dass unser deutsches Asylsystem nicht ausreichen wird, um dem Phänomen Herr zu werden, sondern dass wir ein Einwanderungsgesetz brauchen, das alle ​Regelungen zusammenfasst. Dieses ​könnte notfalls ​ja auch Begrenzungen enthalten, wen wir gerade nicht aufnehmen können. Klar ist auch, dass Europa endlich zusammenhelfen muss bei der Verteilung. Deutschland, Österreich, Schweden können es nicht alleine schaffen. Zugleich muss schwachen Ländern Europas, wie​ auf dem Balkan, starke Hilfe bei ihrer Flüchtlingspolitik geleistet werden. Es rächt sich eben irgendwann, wenn ​man ​sie​  jahrelang nicht ausreichend ernst nimmt. Und jenseits von Europa: Es rächt sich, ​wenn man Kriege führt, die noch mehr Konflikte zurücklassen. Darum wären auch die USA bei den Flüchtlingen ​in die Pflicht zu nehmen.

8. Die Kriege müssen aufhören! Die Fluchtländer brauchen unsere strategische Hilfe.​

9. Wir alle in der Welt können mächtig froh sein, dass wir so tüchtige nichtstaatliche Hilfsorganisationen (NGOs) haben, große wie kleine. Ohne die haupt- und ehrenamtlichen Helfer wären längst tausende Flüchtlinge gestorben, mitten auf europäischem Festland. Wegen Hunger, ​Kälte, Krankheit. Den NGOs kann gar nicht genug Geld an die Hand gegeben werden, von privater wie staatlicher Seite, ​um das weiterzumachen, was Staaten nicht leisten können oder wollen.

10. Europa wird sich verändern. Sicher auch zum Guten. Es sind so viele nette, freundliche Menschen unterwegs. Wir wollen ihnen helfen. Lassen wir sie kommen.”


Freitag, 6. November, 20.10 Uhr:

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“Für mich begann die Rückreise heute bereits vor 15 Uhr. Ich konnte den Besuch von Avramopoulos und Mikl-Leitner am Nachmittag nicht selbst abwarten, weil ich zum Bahnhof musste. Die Zugverbindung nach Hause ist höchst kompliziert – wegen der Flüchtlingskrise und sonstigen Baustellen… Also: Von Spielfeld ging es mit dem Zug nach Graz. Von dort mit dem Zug nach Selzthal. Dann Schienenersatzverkehr nach Schladming.

Die Passagiere sind erstaunlich gelassen. In Schladming holt uns ein herzensguter Kollege mit dem Auto ab. Um den stundenlangen “Seehofer-Stau”, wie ihn unterwegs einige Österreicher nennen, an der Grenze zu vermeiden, kurven wir über die Deutsche Alpenstraße, über Berchtesgaden nach München, wo ich um kurz nach 20 Uhr ankomme.

Was für ein Tag in Europa. Ein Fazit zur Reise? Da muss ich erstmal drüber schlafen.”

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“In Spielfeld wächst die Zuversicht, die Menschen wirken beinahe glücklich – so kurz vor dem Ziel. Die Kinder warten geduldig auf die Weiterreise.”

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Freitag, 6. November, 19.22 Uhr:

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“We travel the world” (Wir bereisen die Welt) ist der Slogan auf diesem Reisebus. Er steht für Flüchtlinge zur Verfügung.”

Freitag, 6. November, 19.11 Uhr:

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“Ein junger Afghane (rechts im Bild, beiger Pulli, er will seinen Namen nicht nennen) erzählte mir in Kroatien: Auf dem Fluchtweg vom Iran in die Türkei wollten ihm Kämpfer der Daaish (Islamischer Staat) seinen rechten Arm abschneiden. Der “Grund”: sein auffälliges Tattoo am Unterarm (das er nicht im Foto zeigen will). Ich sehe einen langen vernarbten Schnitt am Arm entlang der Tätowierung, weil sie wohl erst versuchten, es ihm herauszuschneiden. Befreit worden sei er von Kämpfern der PKK (kurdische Terrororganisation). Ob ihm diese Geschichte zu glauben ist? Aber wer könnte sich sowas Grausiges ausdenken?”

Freitag, 6. November, 18.50 Uhr:

“Und, apropos Balkan: Trotz aller Unterschiede im Umgang mit den Flüchtlingen – es wirkt, als brächte diese Tragödie auch die Balkanvölker näher zusammen. Da arbeiten plötzlich Mazedonen, Albaner, Serben, Kroaten und Slowenen halbwegs gut zusammen – Völker, die teilweise noch vor wenigen Jahren Todfeinde waren.”

Freitag, 6. November, 18.46 Uhr:

“Serbien hat wohl zugesagt, weitere 3000 Winterplätze für Flüchtlinge zu schaffen. Der serbische Vertreter des Flüchtlingshilfswerks UNHCR sagt, das sei noch zu wenig, und hat Serbien weitere Unterstützung zugesichert.

Das UNHCR ist überall vor Ort, um die Situation zu beobachten und Hilfsgüter auszugeben. Es ist überhaupt spannend und beruhigend zu sehen, wie die Organisationen zusammenarbeiten. Das Rote Kreuz ist auch überall, oft die Caritas, Ärzte ohne Grenzen, lokale NGOs und viele andere.

Auflage ist meist nur, dass sie sich die Aufgaben gut aufteilen. SOS Kinderdörfer baut – neben dem langfristigen Engagement – seine Nothilfe weltweit rasant aus, erklärt SOS-Kinderdörfer-Sprecherin Katharina Ebel. Zugute kommt der Organisation dabei, dass sie über ein starkes Netz an lokalen Akteuren verfügt, etwa den Verantwortlichen aus den SOS Kinderdörfern auf dem Balkan. ”

Freitag, 6. November, 18.10 Uhr:

“Ich höre, dass in Serbien am Donnerstag nur 1.000 Flüchtlinge eingetroffen sein sollen. Der Grund: Die griechischen Fährleute streiken. Wie es gerade auf Lesbos aussieht, wo die Menschen nicht mehr wegkommen, will ich mir kaum ausmalen …

Freitag, 6. November, 17.24 Uhr:

“Ich erfahre, dass am Nachmittag die österreichische Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) und EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos die Sammelstelle besuchen kamen. Wohl auch darum wurden vorhin so energisch die Absperrgitter vom Müll sauber gerüttelt, der Teerboden abgespritzt… Später höre ich von Kollegen, dass Avramopoulos gelobt habe, wie gut das Lager funktioniere. Er sagte, dass Österreich bald EU-Geld für seine Flüchtlingspolitik bekommen werde und man die Türkei an Bord holen müsse, um den Flüchtlingsstrom zu bewältigen.

Mikl-Leitner lobte angeblich die Zusammenarbeit mit Slowenien und sagte, das Asylsystem müsse so geändert werden, dass Menschen auf legalem Weg kommen könnten.

Aber welche Menschen? Alle? Syrer? Von vielen Seiten habe ich schon gehört, dass unter Flüchtlingen bisweilen Konkurrenzgefühle ausbrechen, wer kommen darf. Von Konflikten Syrer versus Afghanen oder Schiiten versus Sunniten berichtet uns ein österreichischer Soldat. Auch der Syrer Jamal, den wir in Mazedonien kennenlernten, fragte: “Warum kommen die Afghanen und die Iraker? In meinem Land herrscht Krieg!”

Freitag, 6. November, 17.12 Uhr:

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“Wer ein Zelt dabei hat (in manchen griechischen Camps müssen sich Flüchtlinge eines kaufen), kann es auch hier noch gut gebrauchen.”

Freitag, 6. November, 17.05 Uhr:

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“Flüchtlinge unsd slowenische Soldaten im Wartebereich.”

Freitag, 6. November, 16.45 Uhr:

“Warum die Maschinenpistolen, fragen wir die Soldaten. ‘Weil es eine Soldatenwaffe ist’, antwortet eine Soldatin. ‘Weil wir uns damit sicherer fühlen und Sie sich auch’, sagt ein Soldat. ‘Ihr wollt euch nicht vorstellen, was hier passieren könnte.’

Ich frage den Soldaten auch, was im Wartebereich geschieht, wenn es regnet. ‘Wir haben die Zelte oben im Lager’, sagt er. ‘Hier unten stehen sie im Regen, das müssen sie auch.’ Puh!”

Freitag, 6. November, 16.43 Uhr:

“Dasselbe gilt auch beim Waffen tragen. Die österreichischen Soldaten haben nur Pistolen am Gürtel – ‘bewusst’, sagt ein Soldat, der seinen Namen nicht verraten will. ‘Wir wollen den Menschen keine Angst machen.’

Wie die Kroaten gestern. Die slowenischen Soldaten dagegen tragen schwere Maschinenpistolen vor dem Bauch. Mitten im Wartebereich! Viele Flüchtlinge machen einen Bogen um sie …”

Freitag, 6. November, 16.41 Uhr:

“Oben an der Straßenschleife hat auch das slowenische Sentilj vier Zelte stehen – mit Betten. Doch hier darf ich nicht rein. Als ich von draußen fotografiere, baut sich ein slowenischer Polizist vor mir auf: Dies sei ‘protected area’, und wenn ich nicht sofort verschwände, würden sie mich gewaltsam hinauswerfen. Na hoppla!

Warum die Österreicher das großzügiger handhaben, frage ich ihn. ‘Verschiedene Länder, verschiedene Regeln’, sagt er.

Freitag, 6. November, 16.22 Uhr:

“Ich laufe die schmale Straße hinauf, auf der sich die Flüchtlinge in Richtung Österreich bewegen. Hinter dem Zaun stürmt ein Flüchtling auf mich zu und fragt auf Englisch, ob Austria und Österreich verschiedene Länder seien. ‘Nein, dasselbe’, sage ich. ‘Und was kommt als nächstes?’, fragt er. Als ich ‘Deutschland’ antworte, strahlt er breit, erzählt es aufgeregt seinen Angehörigen und bedankt sich überschwänglich bei mir.”

Freitag, 6. November, 16.05 Uhr:

“Der Soldat sagt, Österreich bereite sich auf das Maximum vor: 400.000 weitere Flüchtlinge! In Spielfeld stehen jetzt fünf, bald sechs Großraumzelte zum Kälteschutz. Gesamtkapazität: 4.000. Aber es gibt hier keine Betten, sondern nur Holzboden. Und eine Heizung, was sehr wichtig ist.

Das sei eine deutliche Verbesserung, sagt der Soldat. Im Oktober habe hier erst ein Zelt gestanden.”

Freitag, 6. November, 16.02 Uhr:

“Ein Bundesheer-Soldat sagt, es gebe nicht nur tragische Schicksale – sondern auch kuriose. Er erzählt, wie beim Grenzübergang ein junger Mann plötzlich kehrtgemacht und gesagt habe, er gehöre gar nicht hierher – in bestem Deutsch. Dann zeigte er den Beamten seinen deutschen Personalausweis. Er sei ursprünglich Grieche, aber lebe seit Jahren in Deutschland, samt Staatsangehörigkeit. Es stellte sich heraus, dass der 24-Jährige auf Lesbos Urlaub gemacht hatte, mit der Fähre nach Athen und dem Zug bis Mazedonien gefahren war. An der serbischen Grenze, in Preshevo, wollte er den Zug wechseln und sah sich das Flüchtlingschaos an. Plötzlich trieben ihn Polizisten in die Warteschlange, obwohl er mit seinem Ausweis winkte und rief, er sei Deutscher.

Er musste den ganzen Prozess durchlaufen, niemand glaubte ihm. Er fuhr also mit den Flüchtlingen im Bus bis Kroatien, doch auch die dortigen Polizisten zwangen ihn, im Pulk zu bleiben. Das Gleiche geschah in Slowenien. ‘Der arme Kerl war fix und fertig, als er hier ankam’, erzählt der österreichische Soldat.

Freitag, 6. November, 15.50 Uhr:

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“Im Bild sehen wir Amir aus Afghanistan mit seinen Eltern (links Mutter Bahara).”

Freitag, 6. November, 15.43 Uhr:

“Irgendwie klappt der ‘Flow’ der Flüchtlinge, so wie ihn alle Verantwortlichen seit Mazdeonien nennen, schon leidlich. Aber wie viele Lager, Zelte, Polizisten,Fußwege, Bussitze und Absperrgitter die Menschen unterwegs hinter sich lassen! Und immer heißt es: ewig warten!”

Freitag, 6. November, 15.25 Uhr:

“Registriert Österreich die Flüchtlinge? ‘So viele wie möglich’, sagt Wolfgang Braunsar, Sprecher der Landespolizei. Als ich einen Soldaten frage, wo das Registrierungszelt ist, lacht er laut auf: ‘Der war gut!’ Wien schaffe 6.000 Registrierungen pro Woche ‘ und wir hier schaffen nicht mal 4.000, weil das Innenministerium nichts anliefert’ – an Personal und Ausrüstung für Fingerabdrücke, Foto und Namensaufnahme. Ich frage mich, warum es dann in Slavonski Brod neuerdings so gut klappt!?”

Freitag, 6. November, 15.19 Uhr:

“Zum Glück scheint auch heute die Sonne. Wie ist das warten hier, wenn es regnet? Und nachts bei Kälte? ‘Bisher hat es hier noch nicht geregnet, seit Beginn der Flüchtlingskrise’, sagt ein Soldat des Bundesheeres. ‘Nachts ist es natürlich schon kalt.’ Doch es dauert Stunden, bis die Menschen auf österreichischer Seite in die Versorgungszelte gelangen.”

Freitag, 6. November, 15.15 Uhr:

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“Gerade sind einige hundert Flüchtlinge aus dem slowenischen Sentilj eingetroffen. Sie müssen noch auf der slowenischen Seite warten.”

Freitag, 6. November, 13.48 Uhr:

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“Der alte Grenzübergang Spielfeld wird seit Herbst als Flüchtlingscamp genutzt”

Freitag, 6. November, 13.05 Uhr:

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“Gegen 13 Uhr rollen acht Reisebusse in Spielfeld ein. Nach und nach werden sie mit Flüchtlingen belegt, etwa 50 Sitzplätze hat einer. Wenn täglich mindestens 5000 Menschen weitergebracht werden sollen, braucht es viele Busse und Züge…”

 

Freitag, 6. November, 12.40 Uhr:

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“Stündlich kommen hier knapp 500 Flüchtlinge an, berichtet ein Soldat des Bundesheers. Sie warten stundenlang, werden dann in Gruppen zu den Versorgungszelten gelassen, von hier in Bussen und Zügen in Notunterkünfte in ganz Österreich gebracht und dort nach einigen Tagen zur deutschen Grenze.”

Freitag, 6. November, 12.31 Uhr:

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“Ich bin in Spielfeld angekommen! Mit einer Kollegen habe ich mir ein Taxi geschnappt und bin über zwei Ländergrenzen nach Österreich gefahren. Mit dem Zug wären wir nie und nimmer angekommen, ein Mietwagen wäre zu teuer gewesen.

Wir sind jetzt in jenem Lager, das im Oktober traurige Berühmtheit erlange, als es völlig überfüllt war und Flüchtlinge hier den Zaun niederrannten auf ihrem Weg nach Deutschland.”

Freitag, 6. November, 8.45 Uhr:

“Und noch was Kurioses: Gestern Abend im slowenischen Dobova, wo wir vergebens den Flüchtlingszug erwarteten, hielt neben uns ein weißer Transporter. Ein ägyptischstämmiger Brite hatte ihn randvoll gepackt mit Lebensmitteln, unter anderem kistenweise rohen Eiern. Er sei 6000 Meilen gefahren und werde nun seine Hilfsgüter nicht los, klagte er, weil sie ihm niemand abnehmen wolle, in keinem Lager in Österreich und Slowenien. Wir empfahlen ihm, ins neue kroatische Lager zu fahren. Hoffentlich hat er dort Glück, dieser so enorm hilfsbereite Mensch. Und hoffentlich sind die Eier dann noch gut.”

Freitag, 6. November, 8.14 Uhr:

“Meine Reise geht schon mal ungünstig los: Der Zug um 4.50 Uhr, der mich von Zagreb nach Spielfeld bringen sollte, fällt aus. ‘Wegen der Einwanderungskrise’, sagt ein Bahnangestellter. Warum genau? Weil sie vermeiden wollten, dass Flüchtlinge mit einem Regelzug weiter reisen? Eine Antwort kann er mir nicht geben.”

Freitag, 6. November, 8.05 Uhr:

“Wir befinden uns auf dem Weg von Zagreb nach Slowenien zur österreichischen Grenze. Meine Reise mit den Begleitern der SOS Kinderdörfer ist leider vorbei – doch ich will noch weiter nach Spielfeld. Auf eigene Faust.”


Donnerstag, 5. November, 20.33 Uhr:

“Wir fahren jetzt zum SOS Kinderdorf Lekenik südlich von Zagreb, dort werden wir übernachten. Im Autoradio läuft ‘Imagine’ von John Lennon. ‘Imagine there’s no countries’, ‘A brotherhood of man …’

Der Song ist älter als 40 Jahre – und mal wieder das Lied der Stunde …”

Donnerstag, 5. November, 19.12 Uhr:

“Ein leerer Zug in die Gegenrichtung fährt ein. In diesen steigen die Menschen dann wohl direkt um und fahren durch Slowenien in den österreichischen Grenzort Spielfeld.

Nach Spielfeld fahren wir morgen eventuell noch, das ist noch nicht ganz sicher.”

Donnerstag, 5. November, 19.10 Uhr:

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“Wir erfahren, dass der Grenzübergang Brezice tatsächlich geschlossen ist. Jetzt kommen Flüchtlinge aus Slavonski Brod in Zügen im slowenischen Dobova an. Wir warten rätselratend am Bahnhof.

Auch viele Polizisten sind da, aber niemand will uns sagen, wann der nächste Zu kommt. Nach Slavonski Brod gibt es keinen Kontakt.”

Donnerstag, 5. November, 19.05 Uhr:

“Ein Helfer sagte heute: ‘Das Lager ist sehr gut organisiert, aber die bessere Lösung wäre doch ein sicherer durchgängiger Transport aus der Türkei.'”

Donnerstag, 5. November, 19 Uhr:

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“Ein Foto von heute Nachmittag. Die Stimmung im Camp Slavonski Brod ist ruhig. Dieses neue Winterlager legt die Messlatte für andere Länder hoch. Fragt sich nur, wie lange die 5.000 Plätze reichen, wenn die Zahlen nochmal steigen.

Helfer rechnen mit bald 12.000 Flüchtlingen am Tag, weil wohl viele noch aufbrechen werden, solange die EU-Grenzen noch offen sind.”

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“Die Ärzte Maja Grba-Bujevic und Dragan Sljepcevic arbeiten im neuen Lager in Slavonski Brod. Sie berichten, was sie behandeln: Fußverletzungen, Schnittwunden, zunehmend Erkältungen – und sogar kleinere Erfrierungen an Zehen und Fingern.”

Donnerstag, 5. November, 17.45 Uhr:

“Ob heute beim Berliner Asylgipfel eine Entscheidung fällt? Kroatiens Ministerpräsident soll gesagt haben: ‘Wenn Deutschland oder Österreich die Grenzen zumachen, schließen wir sie noch schneller.’ Ein Schreckensszenario!”

Donnerstag, 5. November, 17.40 Uhr:

“Wir fahren gerade zur Genze in Richtung Slowenien. Offenbar wurde der Grenzübergang Brezice geschlossen, der neue Übergang ist in Dobova. Ob wird dort ins Lager kommen? Wir haben gehört, dass Slowenien bereits Stacheldraht bestellt haben soll, auch Österreich.”

Donnerstag, 5. November, 17.02 Uhr:

IMG_6506“In den Zelten warten die Menschen auf den nächsten Zug. Es gibt hier zwar keine Matratzen, aber alles ist winterfest – und es ist warm!”

Donnerstag, 5. November, 16.40 Uhr:

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“Das ist eine Familie aus Syrien. Sie versteht leider kein Englisch, nicht einmal ‘Germany’. Die Familienmitglieder sagen nur ‘Almanya, Almanya’.”

Donnerstag, 5. November, 16.38 Uhr:

“Verrückte Welt: Wir sehen Paletten voller Thunfisch, gespendet von Katar. Säcke voller Mehl, gespendet von den Emiraten.

Waren das nicht die Staaten, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen? Versuchen sie so, sich freizukaufen?”

Donnerstag, 5. November, 16.20 Uhr:

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“Das ist Familie Ali aus Bagdad im Irak. Sie will nach Wien in Österreich. Dort sollen die Menschen sehr nett sein, sagt Mutter Nina (Bildmitte, mit Mütze).

Hala, 20 Jahre (weiße Mütze), wartet im Sitzen auf die Registrierung. Sie ist im neunten Monat schwanger. Ob es ihr gutgeht? ‘Mir ist nur etwas schwindlig’ sagt sie – und lacht.

Neben ihr sitzen ihre Brüder Mahde (9) und Firas (4).

Donnerstag, 5. November, 16.10 Uhr:

“Seit Mitte September reisten fast 326.000 Flüchtlinge durch Kroatien”, sagt Bikic.

Hilfsorganisationen schätzen, dass aktuell in der Türkei weitere 400.000 auf der Flucht sind. Sie sind froh, dass sich zumindest Kroatien mit diesem Lager in Slavonski Brod auf den Winter eingestellt hat.”

Donnerstag, 5. November, 15.59 Uhr:

“Warum registriert Kroatien die Menschen nochmal, obwohl es in Serbien bereits passiert ist? ‘Wir tun das für unseren Bedarf’, sagt Polizeisprecherin Jelena Bikic. ‘Jedes Land würde das tun.’

Die Registrierung von 1040 Menschen pro Zug dauert etwa drei Stunden. Dann kommt der nächste Zug an. Das klingt wirklcih generalstabsmäßig …”

Donnerstag, 5. November, 15.54 Uhr:

“Reinigungstrupps laufen herum, säubern die Züge. Sogar an so etwas wird hier gedacht. Zahlreiche Hilfsorganisationen sind vor Ort, alle haben etwas zu tun: Tee ausgeben oder Kleider verteilen. Es gibt darüber hinaus zwei Ärzte und zwei Krankenschwestern.”

Donnerstag, 5. November, 15.35 Uhr:

“An diesem Lager kann man sehen, wie gut ein Staat eine Unterkunft organisieren kann, wenn er nur will und eventuell das Militär einspannt. In Serbien sieht das ganz anders aus …

Die gute Organisation hat natürlich auch ihren Preis: Jemand hat ausgerechnet, dass für Gehälter, Strom und Nahrung rund zwei Millionen Kuna (umgerechnet etwa 260.000 Euro) pro Tag fällig werden. Orsolic kommentiert das nicht, er spricht nur von ‘riesigen Ausgaben.'”

Donnerstag, 5. November, 15.33 Uhr:

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“Dieses Lager in Slavonski Brod wirkt nahezu perfekt. Früher wurden hier Öltanks von Schiffen vom naheliegenden Fluss auf Züge verladen, darum gibt es auch die Bahntrasse mitten im Feld (siehe 13.15 Uhr). Jetzt hat die kroatische Armee hier binnen zwei Wochen dieses Lager errichtet und leistet logistische Hilfe. Unbewaffnet im Übrigen! ‘Damit die Menschen, die vor Waffen flohen, keine Angst bekommen’, erklärt Armeesprecher Ivica Orsolic. ‘Es ist uns eine Ehre, den Menschen zu helfen.”

Donnerstag, 5. November, 15.05 Uhr:

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“Hier stehe ich mit Armin aus Afghanistan. Ich hatte ihn schon in Tabanovce kennengelernt, in Preshovo wiedergetroffen und jetzt auch in Slavonski Brod.

Er ist mit seiner Mutter und zwei Brüdern unterwegs. Sein Vater war Lehrer in der afghanischen Stadt Herat, dort wurde er von den Taliban ermordet. Armin ist 15 und konnte zuletzt nicht mehr in die Schule gehen, da es dort zu gefährlich war.”

Donnerstag, 5. November, 14.40 Uhr:

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“Fuad aus dem Irak hat neue Schuhe in Größe 40 ergattert. Von den alten war die Sohle abgefallen. Der junge Mann freut sich sichtlich.”

Donnerstag, 5. November, 14.05 Uhr:

“Die kroatische Außenministerin Vesna Pusic von der Croatian People Party (Mitte-Links) ist im Lager eingetroffen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Sie ist sehr interessiert, schaut sich um und macht Fotos mit ihrer Handykamera.”

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Donnerstag, 5. November, 13.49 Uhr:

“Freiwillige Helfer bespaßen die Kinder mit Clownsnasen und Spielen. Die Kleinen kichern, Erwachsene schauen amüsiert zu.”

IMG_6492 IMG_6493 “Der junge Mann mit der Clownsnase heißt Adi. Er arbeitet für eine kroatische NGO.”

Donnerstag, 5. November, 13.15 Uhr:

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“Mitten durch das Lager fährt ein Zug, der aus Serbien kommt und hier wendet. Danach kommt ein anderer Zug, der nach Slowenien fährt. Auf der linken Seite stehen Zelte, in denen auf die Züge gewartet wird. Alle drei bis vier Stunden fährt einer ab.”

Donnerstag, 5. November, 13.10 Uhr: Eindrücke aus dem Lager in Slavonski Brod:

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“Familien dürfen sich in diesen Containern ausruhen.”

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“Nach der Registrierung werden Flüchtlinge mit ein wenig Essen versorgt: Es gibt eine Tüte mit Zwieback, Thunfisch und einem Apfel.”

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“Eine Somalierin mit ihrem Sohn.”

Donnerstag, 5. November, 12.50 Uhr:

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“Das sind Amir (17, r.) und Masut (18) aus Afghanistan. Sie stammen aus der Region um die Hauptstadt Kabul und kamen mit dem Zug aus Sid ins Lager nach Slavonski Brod. Sie haben ihre Eltern und ihre Schwestern in einem Zwischenlager in der Türkei verloren. ‘Jetzt sind wir erstmal ganz alleine’, sagen sie. Ihre Route führte sie über Pakistan, Iran und die Türkei bis nach Kroatien. Ihr Plan ist es, nach Schweden zu reisen. ‘Aber’, sagt Amir, ‘wir haben gehört, dass Züge in Deutschland gestoppt werden.’

In ihrer Heimat ist Krieg. Taliban und andere Gruppen bekämpfen sich. Sie sind in Kabul zur Schule gegangen, aber aus Angst hat die Familie sich gezwungen gesehen, zu fliehen.”

Donnerstag, 5. November, 12.28 Uhr:

IMG-20151105-WA0001Das neue Aufnahmelager

“Wir sind in Slavonski Brod angekommen und sehen das neue Aufnahmelager, das seit Dienstag in Betrieb ist. Hier finden sich 5000 Schlafplätze in beheizten Zelten und Containern. Die Organisation wirkt sehr professionell. Katharina Ebel von SOS Kinderdörfer sagt: ‘Das Lager ist kein Vergleich zum vorherigen kroatischen Lager Opatovac.’ Das Alte sei nur für den Sommer ausgelegt gewesen und wurde jetzt geschlossen.
Kroatien wählt am Sonntag. Der Wahlkampf bringt offensichtlich Dynamik in die Flüchtlingshilfe.”

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Hier warten Flüchtlinge auf ihre Registrierung, nachdem sie aus dem Zug gestiegen sind

“Die Bahngleise verlaufen mitten durch das neue Lager. Als Deutsche hat man da furchtbare Assoziationen. Aber hier wirkt es wie eine optimale Lösung. Von hier fahren die Flüchtlinge direkt weiter nach Slowenien, nachdem sie sich ausgeruht und etwas gegessen haben und medizinisch versorgt wurden.”

Donnerstag, 5. November, 10.14 Uhr:

“Auf unserer Route begegnen uns zahlreiche Flüchtlingskinder – doch nicht alle hängen müde an ihren Eltern. Viele sind sehr fröhlich, rannten in Preshevo auf der Straße herum, warfen sich im Spiel die kuscheligen Deckenrollen zu, die sie von den Helfern bekommen hatten. Sie lachen uns Journalisten an, schneiden mit uns Grimassen, spielen Fangen. Wie geht das, dass sie offenbar nicht leiden, während ihre Eltern meist sehr angespannt und fertig sind?

Eine Psychologin aus dem SOS Kinderdorf Ladimirevci erklärt: Viele Kinder erleben die Flucht wie ein Abenteuer. Heute sind sie hier, morgen dort. Die Flucht bedeutet viel Action, viel Adrenalin, mit Bussen und Zügen oder zu Fuß geht es immer weiter – es ist wie eine Schatzsuche. Sie rauben ihren Eltern die Energie, aber sie selbst sind fröhlich. Darum sei unterwegs kaum psychologische Hilfe nötig. Der große Zusammenbruch, sagt sie, käme meist, wenn die Menschen angekommen sind. Zum Beispiel in Deutschland, in einer Aufnahmeeinrichtung wie der Münchner Bayernkaserne. Dann gibt es monatelang keine Bewegung mehr, sie warten auf ihr Asylverfahren, ohne sich gleich in ein neues Leben stürzen zu können. Sie kommen gezwungenermaßen zur Ruhe, und dann spült es all die schrecklichen Bilder hoch. Die Bilder von der Flucht. Die Bilder von zuhause. Erst dann beginnt die Verarbeitung, und Traumata werden offensichtlich. Dann, sagt sie, brauche es dringend Psychologen und Ärzte. Und zwar viele.”

Donnerstag, 5. November, 9.32 Uhr:

“Wir fahren ins kroatische Slavonski Brod. Dort steht das neue Aufnahmelager, das seit Montag in Betrieb ist. Um 11 Uhr ist dort ein offizieller Empfang, zu dem auch der kroatische Innenminister erwartet wird. Angeblich sollen in den beheizten Zelten bis zu 15 000 Menschen schlafen können, bevor sie ihre Weiterfahrt nach Slowenien antreten. Mal sehen.”


Mittwoch, 4. November, 20.15 Uhr:

“Wir werden heute Nacht im SOS-Kinderdorf im kroatischen Ladimirevci übernachten. Heute habe ich wenig mit Flüchtlingen selbst gesprochen. Dafür habe ich viel über die Sorgen der Serben erfahren. Das Problem bleibt der Transport. Warum müssen die Flüchtlinge in Serbien registriert werden? Und warum in Kroatien und Deutschland noch einmal? Warum dieses Bürokratie-Ungeheuer? Warum registriert nicht zum Beispiel Griechenland, mit UN-Hilfe, und dann fahren die Flüchtlinge durch bis zu ihrem gewünschten Ziel?

So aber erleben wir eine menschliche Tragödie, wie es SOS-Kinderdörfer-Direktorin Vesna nennt.”

Mittwoch, 4. November, 19.58 Uhr:

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“Dieses Foto zeigt Hossein Taha (24, r.) und seinen Cousin Fariz Taha. Das Bild ist heute Morgen in Preshevo entstanden, wo die beiden aus Lataka in Syrien stammenden Cousins auf ihre Weiterreise gewartet haben. So wie die beiden lachen viele, sind freundlich, optimistisch, zeigen das Victory-Zeichen in die Kamera. Sie machen sich so wohl selbst ein wenig Mut. Wie es den beiden wohl im weiteren Tagesverlauf ergangen ist? Und in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten ergehen wird?”

Mittwoch, 4. November, 19.31 Uhr:

“Gerade wird bekannt, dass offenbar auch heute Nacht zwei Züge losfahren sollen. Das hängt aber letztendlich von Kroatien ab. Wenn die Züge nicht fahren, sollen Leute in Notunterkünften schlafen, oder in einem leerstehenden Krankenhaus. Aber laut Helfern will niemand dorthin, weil es zu weit vom Bahnhof weg ist. Die Leute haben Angst, dass sie nicht rechtzeitig weiterkommen oder vergessen werden.”

Mittwoch, 4. November, 19.10 Uhr:

“Ich frage einen Offiziellen vom serbischen Kommissariat für Flüchtlinge und Migranten, sein Name ist Sava Rakic, was derzeit ihr größtes Problem sei. Er lacht müde auf: ‘Too many people’, sagt er einfach nur. Zu viele Menschen!

Wenn am Donnerstag beim Gipfel in Deutschland eine Obergrenze für Flüchtlinge in Deutschland beschlossen wird, was glaubt er, wird dann passieren? Er schaut zum Himmel und sagt: ‘Das ist eine Entscheidung auf höherer Ebene. Aber was auch immer sie beschließen: Wir werden Probleme haben.'”

Mittwoch, 4. November, 18.55 Uhr:

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“Im Bild sehen wir Igor Gilanji vom serbischen SOS Kinderdörfer. Er erklärt: ‘Maximal 1040 Menschen dürfen in einen Zug, das ist der Deal, den Serbien mit Kroatien ausgehandelt hat. Genau 1040 deshalb, weil das Lager in Slavonski Brod maximal diese Anzahl an Flüchtlingen auf einmal aufnehmen kann.”

Mittwoch, 4. November, 18.03 Uhr:

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Polizisten tragen Mundschutz, um sich bei kranken Flüchtlingen nicht anzustecken.

“Wie auch in Preshevo sind die Polizisten auch in Sid etwas rabiat. ‘Go, go’, brüllt einer in aggressivem Ton. Ein anderer schreit: ‘Yalla, yalla’ – das ist arabisch und heißt so viel wie ‘Los geht’s’. Ein junger Mann aus Afghanistan wird angebrüllt, als er mit uns redet. Er duckt sich ängstlich, aber wir haben trotzdem etwas über ihn erfahren. Genau 28 Tage dauert seine Flucht aus Kabul bereits. Zuletzt saß er sechs Stunden wartend am Bahnhof in Preshevo. Wohin will er? ‘Ich habe Verwandte in Schweden, aber ich habe gehört, dass dort bereits zu viele Flüchtlinge seien.’ Er spricht von ‘Finnland oder so!?’ und fragt uns, ob wir ihm ein Land empfehlen können. ‘Deutschland ist ein gutes Land, aber auch da gibt es sehr viele Flüchtlinge’, antworten wir.”

Mittwoch, 4. November, 17.50 Uhr:

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Flüchtlinge beim Einsteigen in den Zug in Sid. Es herrscht große Disziplin.

“Wir sehen Jamal und seine Familie wieder (siehe Ticker-Eintrag gestern um 12.02 Uhr), als sie gerade in den Zug steigen. Leider können wir dieses Mal nicht mit ihm reden, es geht alles zu schnell. Wie haben sie wohl die vergangenen 24 Stunden verbracht? Wie lange mussten sie in Preshevo warten? Wie wird es mit ihnen weitergehen? Alles ist so ungewiss und steht auf wackligen Beinen …”

Mittwoch, 4. November, 17.34 Uhr:

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In diesem Zelt im Hintergrund warten die Flüchtlinge einige Stunden, bis der nächste Zug kommt.

“Die Leute müssen also nicht mehr in der Kälte auf den Äckern warten, sondern können sofort nach Kroatien fahren. In ein bis zwei Stunden kommen sie dann im nächsten Zwischenlager an, in Slavonski Brod. Dieses System läuft wie gesagt erst seit gestern so. Daher sind die Polizisten und Helfer noch nervös und skeptisch, ob diese Strategie erfolgreich bleibt und funktioniert. Seit gestern früh wurden hier 6.500 Menschen (!) durchgeschleust.

Näher an das Zelt oben im Foto durften wir übrigens nicht. Die Verantwortlichen sind ziemlich nervös hier.”

Mittwoch, 4. November, 17.30 Uhr:

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Ich bei meiner Ankunft am Bahnhof von Sid.

“Wir haben uns einen ersten Eindruck in Sid verschafft. Hier läuft anscheinend alles ein bisschen anders seit gestern. Vorher brachten Busse aus Preshevo Flüchtlinge ins Notlager bei Sid. Jetzt fahren sie direkt zum Bahnhof Sid. Dort warten Flüchtlinge in Bussen oder Zelten, bis sie in die Züge nach Kroatien steigen können. Als wir kommen, steht gerade ein Zug da. Menschen werden von der Polizei in Gruppen über Gleise zum Zug gelotst und steigen ein. Das geht alles erstaunlicherweise recht schnell – endlich geht hier mal etwas schnell! Nach einer halben Stunde ist der Zug fast voll und fährt los.”

Mittwoch, 4. November, 16.25 Uhr:

“Wir sind angekommen. Es stehen sehr viele Busse herum. Offenbar sind also doch Flüchtlinge hier.”

Hier zur Orientierung eine Karte, die unsere bisherige Route durch Mazedonien und Serbien von Skopje bis nach Sid zeigt.”

 

Mittwoch, 4. November, 16.17 Uhr:

“Die Sonne geht gleich unter. Wir nähern uns Sid, der Grenzstadt zu Kroatien. Keiner der Helfer weiß, ob das Flüchtlingslager dort auf freiem Feld noch existiert. Gestern wurde es angeblich verlegt.”

Mittwoch, 4. November, 15.34 Uhr:

“Ärzte ohne Grenzen berichten, dass der größte Feind die Kälte ist. Schon jetzt seien viel mehr Menschen krank, erkältet, hoch fiebrig und mit schwerem Durchfall. ‘Und so reisen sie dann nach Deutschland weiter’, sagt eine Ärztin.”

Mittwoch, 4. November, 14.35 Uhr:

“Gestern in Preshevo haben wir schon gesehen, wie wartende Männer begannen, sich vorzudrängeln. Ein Polizist beförderte ihn laut blaffend und mit leichten Stockschlägen in die Schlange zurück. Die serbischen Polizisten gelten hier generell nicht als zimperlich. Helfer können Decken nicht aus ihrem Transporter verteilen, weil sie fürchten, dass die herandrängenden Menschen das Auto umkippen oder jemand zerquetscht wird.

Grundsätzlich sind die Menschen unglaublich friedlich. Wohl auch, weil sie so müde sind. Aber die Anspannung ist da, und jeder kleine Konflikt kann blitzschnell eskalieren, so ist die Stimmung.”

Mittwoch, 4. November, 14.13 Uhr:

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“Vesna Mrakovic ist nationale Direktorin von SOS Kinderdörfer in Serbien. Ihr zufolge bereitet sich das Land darauf vor, dass die Flüchtlinge hier bald bis zu einer Woche verbringen, wenn der Winter kommt und die europäischen Grenzen undurchlässiger werden. ‘Davor haben wir Angst, denn Serbien ist nicht so reich’, sagt sie. Serbien sei enttäuscht von der EU, dass diese so hohe Menschenrechtsstandards habe, aber nun mit dieser grundlegenden Situation nicht klarkommt.

Sie sagt auch, bislang gebe es keine ernsthaften Probleme mit Aggressivität unter Flüchtlingen, weil alle erschöpft und konfliktmüde seien. Vorrangiges Ziel sei, weiterzukommen. ‘Aber wenn sie gezwungen sind hierzubleiben, weil das Wetter schlecht und die Zäune hoch sind, was wird dann passieren?’ Sie fürchtet Eskalation.”

Mittwoch, 4. November, 13.16 Uhr:

“Auf meiner Reise treffe ich Mohamed Hajali, sein Spitzname ist Mike. Er arbeitet für NGO Adra (Adventist Development and Relief Agency) in Serbien, die mit SOS Kinderdörfer kooperiert. Die Organisation fährt Hilfsgüter durchs Land dorthin, wo sie die Flüchtlinge brauchen. Er und drei weitere Mitarbeiter des Teams begleiten uns heute nach Sid. Mike ist selbst Syrer, lebte in Deutschland und schlug dann Wurzeln in Serbien. Gestern war er in Preševo im Einsatz, um dort 1000 Mützen und Handschuhe zu verteilen. Die Flüchtlinge drängelten sich übel um die wärmenden Kleidungsstücke. Mike berichtet, wie schwer es ist, genug Klamotten zu organisieren: Alles müsse durch den Zoll, Second-Hand-Sachen bräuchten den Nachweis, dass sie bei 60 Grad gewaschen wurden. Das kostet Geld. ‘Dabei müssen wir schnell handeln. Schnell’, sagt Mike.”

IMG-20151104-WA0007Mike hat zwei kleine Töchter (1 und 5 Jahre alt). Sie wachsen dreisprachig auf und lernen Arabisch, Serbisch und Englisch.

“Mike erzählt weiter. ‘Ich schätze, mehr als die Hälfte der Flüchtlinge kommt nicht aus Syrien.’ Viele behaupteten das nur, um leichter nach Europa zu gelangen, da sie wissen, dass Syrer hier willkommener sind als andere. Unter den Flüchtlingen seien viele Iraker, aber auch Libanesen und Afghanen. Mike merkt das sicher besser als die Helfer und serbischen Polizisten. ‘Einer sagte, er komme aus Damaskus’, erzählt Mike, der Vater von zwei kleinen Mädchen ist (1 und 5 Jahre alt) ist. ‘Er nannte sogar einen Stadtteil. Als ich ihn fragte, ob er diesen einen bekannten Laden kenne, war er plötzlich blank.’ Aber was sagen uns Geschichten wie diese, frage ich mich? Sind diese Leute nun ‘Asylbetrüger’, wie sie womöglich die CSU nennen würde? Sicher nutzen so einige die Situation, die Merkel mit geschaffen hat, aus, weil es nun einfacher scheint, nach Deutschland zu kommen. Aber: Wer nimmt diesen Horrortripp über Tausende Kilometer auf sich, wenn er nicht muss? Doch nur, wer aus den Ländern und Regionen kommt, wo ihm unerträglich viel Gewalt und Elend begegnet. Und würde nicht jeder von uns dasselbe tun, wenn er sich gezwungen sähe? Unterwegs lügen, Geschichten erfinden – nur um durchzukommen?

Mike erzählt, dass das Ziel vieler Syrer Großstädte seien und sie darum gerne nach Deutschland möchten. Sie mögen den Trubel und sind selbst das Stadtleben gewohnt. Ich denke über seine Worte nach, während wir heute stundenlang durch Serbien fahren, durch menschenleere Landschaften über hunderte Kilometer zwischen Preševo und Belgrad. Wunderschön, hügelig, vor allem in den Herbstfarben. Aber Städte? In den Dörfern hängt dicht der würzige Rauch von Holzöfen.”

Mittwoch, 4. November, 7.35 Uhr:

“Ich wache auf im warmen Hotelzimmer. Ein Blick aus dem Fenster verrät mir, dass draußen die Sonne strahlt. Raureif bedeckt die Wiesen. Ich frage mich, wie lange die Menschen gestern noch in der Kälte standen? Heute werden wir ganz Serbien auf den Straßen durchqueren, die auch die Flüchtlinge in den Bussen fahren: von Preševo nach Sid.”

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In Bussen reisen die Menschen nach Sid weiter – unter ihnen sind Dutzende Kinder


Dienstag, 3. November, 23.41 Uhr:

“Am Abend essen wir gemeinsam mit serbischen Helfern von SOS Kinderdörfer. Sie berichten von einer neuen Fluchtroute, über die immer mehr Menschen kommen: Türkei, Bulgarien, Serbien. Und sie berichten von einem neuen Zug, der angeblich von Sid (Serbien) nach Slowenien durchfährt, ohne in Kroatien zu stoppen. Ob das stimmt? Am Mittwoch fahren wir nach Sid …”


Dienstag, 3. November, 20 Uhr:

IMG_6460Die erschreckenden Bilder des Tages verarbeite ich über Nacht im Motel Predejane, das eine Stunde hinter Preševo liegt

“Mein Zwischenfazit nach einem Tag: Es ist hart, das alles zu erleben. Vor allem die Kinder treiben einem Tränen in die Augen, selbst wenn sie einen anlachen. Auch als Journalistin kann man kaum außen vor bleiben. Man packt selbst mit an, wenn Safttütchen verteilt werden müssen. Aber trotzdem ist es so wichtig, das alles zu sehen – und zu begreifen! Neue Zäune werden die Menschen nicht aufhalten in ihrer Not und ihrer Hoffnung. Doch wenn hier nicht bald was passiert, es mehr Soforthilfe gibt und einen europäischen Plan für Transport, Unterbringung und Verteilung, dann erfrieren hier demnächst Menschen. Und spätestens dann möchte ich Politiker sehen, wie sie das erklären.”

Dienstag, 3. November, 18.45 Uhr:

“Der Tag neigt sich dem Ende entgegen. Ich versuche, meine Gefühle zu sortieren, einzuordnen, was ich alles an Not und Elend gesehen habe – an nur einem Tag. Dieser Trip ist wirklich krass. Es sind so viele Menschen. Sie haben bereits so viel hinter und noch so viel vor sich. In Tabanovce haben mich afghanische Buben gefragt, in welche deutsche Stadt sie gehen sollen. Oder doch nach Schweden? Dabei wissen sie noch gar nicht, dass sie in Preševo in der Kälte ewig warten werden müssen. Und dass sie sich in Deutschland nicht aussuchen werden können, wohin sie gehen. Ich habe versucht, ihnen das zu erklären. Aber sie haben mich nicht verstanden – ihr Englisch ist dafür nicht gut genug.

Vorhin haben wir Jamal (siehe 12.02 Uhr) in einer Schlange wiedergetroffen. Er freute sich, uns wieder zu sehen. Diese Herzlichkeit, trotz der mehr als widrigen Umstände, ist sehr beeindruckend.”

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Menschen warten in Decken gehüllt in Preševo

Dienstag, 3. November, 16.30 Uhr:

“Die Sonne geht allmählich unter, es wird immer kälter, der November zieht fies unter die Wintejacke. Tausende Menschen stehen hier hinter Absperrgittern, sie werden in 50er-Gruppen von der Polizei weitergelassen. Das ganze Prozedere dauert ewig. Babys liegen in den Armen ihrer Mütter, schreien, weinen. Kleinkinder laufen durch die Gegend. Immerhin: Bananen und Saft werden verteilt, aber nur wenig davon.”

Dienstag, 3. November, 16.05 Uhr:

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“Das ist der sechs Monate alte Rezan, der mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet ist. Auf dem Bild bespaßt ihn gerade Katarina. Sie ist unsere einheimische ‘Reiseleiterin’ von SOS Kinderdörfer. Auch er muss stundenlang in den Schlangen warten. Familien mit Kindern genießen keine Privilegien und werden auch nicht vorgelassen – es sind schlichtweg zu viele.”

Dienstag, 3. November, 15.50 Uhr:

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“Das ist Heidi Hecht aus München. Die 70-Jährige ist hier mit der Hilfsorganisation ‘Hilfe grenzenlos’. Sie sagt: ‘Es ist unfassbar hier. Von allem gibt es zu wenig. Es gibt keinen Schutz gegen die Kälte, keinen Schutz gegen Regen. Die Kinder bekommen ein paar Snacks, aber das war’s. Das kann nicht sein – mitten in Europa!’

Hecht hat vor ihrer Reise nach Serbien in der Münchner Messehalle geholfen, als dort Flüchtlinge ankamen. Dort war alles sehr gut organisiert. ‘Hier dagegen ist nichts”, klagt sie. ‘Wo ist die EU, wo sind die UN? Die Staatengemeinschaften versagen hier. Menschen, die die 35 Euro für den Bus nach Kroatien nicht haben, warten hier tagelang, bis Hilfsorganisationen ihnen das Geld für ein Ticket zusammengekratzt haben.’

Warum ist Heidi Hecht hier? ‘Ich bin hergekommen, weil ich die Bilder im Fernsehen auf der Couch nicht mehr ausgehalten habe. Ich heule manchmal vor Wut auf die politischen Akteure. Wir brauchen besseren Transport, winterfeste Quartiere, mehr Essen. Das ist unser verdammter Job in Europa.'”

 

Dienstag, 3. November, 15.40 Uhr:

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 “Wir fahren mit dem Auto über die Grenze nach Serbien. Dort ist der Grenzort Preševo. Hier sieht es ganz anders aus und geht es anders zu als in Tabanovce. Hier müssen die Menschen stundenlang ausharren, ehe man sich um sie kümmert und sie registriert werden. In Zelten werden Fingerabdrücke genommen, der Name wird notiert, das Geburtsdatum. Dann werden sie in Busse gesetzt und nach Sid gebracht. Das ist in der Nähe der kroatischen Grenze. Eine Fahrt dorthin dauert acht Stunden.

Doch wiegesagt: Vorher müssen die Menschen stundenlang in Preševo ausharren.”

Dienstag, 3. November, 14.39 Uhr:

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 “Das sind Alexandra Davidovska und Driton Maliqi. Sie arbeiten für die NGO La Strada in Tabanovce. Alexandra erzählt: ‘Heute, wo die Sonne scheint, ist alles gut. Aber wenn es dunkel und nacht wird, oder noch dazu regnet, dann ist es ganz schlimm. Ich habe schon gesehen, wie sich drei Kinder eine Plastiktüte teilen, nur um nicht nass zu werden.’

Hier in Tabanovce wurde alles von Volunteers aufgebaut, dennoch hofft Davidovska auf noch mehr Hilfe: ‘Wir brauchen noch mehr Freiwillige. Allein die Zustände auf Lesbos sind ja schon schrecklich. Und jetzt wird das Meer rauer, immer mehr Leichen werden angespült. Auch dort braucht man viel Unterstützung.” Davidovska fordert die Politik auf, endlich zu handeln: “Europa muss die Verteilung besser organisieren. Was Deutschland angeht: Egal, wie hoch oder niedrig die Standards für Flüchtlinge in Deutschland sind – die Menschen wollen dorthin. Ich bin gespannt, wie Europa in ein paar Jahren aussehen wird.’

Die Situation in der eigenen Umgebung schildert Davidovska so: ‘Alle Balkanländer bereiten sich auf einen Rückstau von Flüchtlingen vor. Der wird kommen, wenn die Grenzen immer dichter werden. Aber es bringt nix – die Flüchtlinge kommen trotzdem.'”

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Muhamad will sein Frau und Kinder nachholen

“Auf meiner Route begegne ich in Tabanovce Muhamad aus Afghanistan. Er arbeitete früher für die US-Special-Forces. Als die Einheiten weg waren, bedrohten ihn die Taliban. Muhamad ist alleine auf der Flucht, seine Frau und die Kinder will er nachholen.”

 

Dienstag, 3. November, 13.25 Uhr:

“Amer a-Mougrabi (r.) ist einer der Anführer, die den anderen helfen. Er ist selber Flüchtling, sagt er. Er hat vorher jahrelang als Werbemanager in den Emiraten gearbeitet. Sein Englisch ist hervorragend. Zudem ist er bestens über alles informiert. Er will nach Deutschland? ‘Warum nach Deutschland?’ Seine Freunde seien auch dort, sagt er.”

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Dienstag, 3. November, 13.10 Uhr:

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“Gerade kommt wieder ein Zug an. 600 Menschen steigen in Tabanovce aus. Sie werden versorgt, dann laufen sie nach Serbien, so wie die beiden Syrer, die wir im Bild unten sehen. Es handelt sich fast ausschließlich um Familien.”

 

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“Man sieht viele Babys auf den Armen ihrer Mütter. Täglich kommen hier etwa 6000 Flüchtlinge an, berichten mir Helfer.”

 

Dienstag, 3. November, 12.30 Uhr:

IMG_6448“Hier sehen wir zwei Syrer, die gerade den Grenzstein nach Serbien passiert haben. Noch gut zwei Kilometer, dann kommen sie in einem serbischen Transitzentrum an. Dort müssen sie sich registrieren. Die Serben nehmen es hier ganz genau und sind ziemlich streng.”

 

Dienstag, 3. November, 12.27 Uhr:

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“Hier stehe ich direkt zwischen zwei Ländern. Am Grenzstein zwischen Mazedonien (rechts) und Serbien. Dieser Punkt liegt etwa einen halben Kilometer hinter dem Bahnhof von Tabanovce. Hier überqueren alle Flüchtlinge die grüne Grenze.

Entlang dieses Weges liegt tonnenweise Müll. Und Decken sowie Kleider, die auf der beschwerlichen Reise zuviel Ballast waren.”

 

Dienstag, 3. November, 12.02 Uhr:

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“Im Bild sehen wir Jamal Eddin al-Farsi (45) mit seiner Mutter Kadria (75). Er floh aus Syrien, nachdem er fünf Jahre in Aleppo ausgeharrt hatte. ‘Wir wollen nur Frieden’, sagt er. Stündlich seien Bomben gefallen, monatelang, jahrelang. Er ist Pharmakologe und Zahntechniker und hatte eine eigene Apotheke. Er floh mit seiner Frau, seinem Bruder und seiner Mutter. Ob er für oder gegen Assad war? ‘Ich bin gegen jeden, der mein Volk tötet’, sagt er.

Er will nach Deutschland, weil er sich dort Chancen auf ein ruhiges Leben erhofft. ‘Danke’, sagt er, ‘danke, danke an das deutsche Volk und die Regierung, dass ihr so mit uns fühlt.'”

 

Dienstag, 3. November, 11.45 Uhr:

Wir sind in Preshevo: Hilfsorganisationen haben hier Container aufgestellt. Man richtet sich auf den Winter ein. Die Station in Preshevo dient als “Drive-in”. So beschreibt es Katharina Ebel von SOS Kinderdörfer. Es ist unglaublich, hier zu stehen, mitten unter den Menschen. Sie sind so abgekämpft, aber hoffnungsvoll. Und tapfer. Sie halten so viel aus!

Wenn sie nur ahnten, was noch auf sie zukommt: Noch fünf Grenzübergänge bis Deutschland …”

 

Dienstag, 3. November, 11 Uhr:

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Versorgung in Tabanovce. Kleider, Essen, Windeln, WiFi, WC – und der Weg nach Serbien.

 

“Wir treffen in Tabanovce ein. Die Bahnstation, von der man im Sommer Horrorbilder von überfüllten Zügen im Fernsehen gesehen hat.

Vor einer halben Stunde kam ein Zug mit 800 Menschen an. Viele sitzen jetzt noch am Bahnsteig und werden versorgt. Es gibt trockenes Fladenbrot und Wasser. Teilweise werden Klamotten verteilt. An die, die fast gar nichts tragen oder nur im T-Shirt angekommen sind. Ein Helfer verteilt Mützen, sie werden ihm aus den Händen gerissen.

In Gruppen laufen sie dann die Gleise entlang: Vier Kilometer bis nach Serbien zum Grenzort Preshevo. Die Menschen sind beladen mit Tüten und Decken, viele Kinder im Schlepptau.”

 

Dienstag, 3. November, 10.45 Uhr:

“Heute Morgen um 8 Uhr sind wir losgefahren, mit einem gemieteten VW-Bus. Zunächst ging es durch die Roma-Siedlung Shutka in Skopje. Hier leben die Ärmsten der Armen, ohne Kanalisation. Es stehen hier keine richtigen Häuser, sondern vielmehr Schuppen und wizige Buden. Schulbildung ist bei den Menschen hier kaum vorhanden. Trotzdem: Die Regierung und verschiedene Organisationen versuchen zu helfen. An der grundsätzlichen Armut in diesem Land ändert das aber nichts.”

 

Dienstag, 3. November, 10.42 Uhr:

“Also ist das Motto: Leute weiterbringen! An der Südgrenze bei Gevgelja wurde kürzlich ein Transitzentrum errichtet, um Leute halbwegs zu versorgen. Registriert wird hier nicht, es würde Tage dauern.

Hilfsorganisationen sprechen von 8000 Flüchtlingen, die Mazedonien täglich durchqueren. Sonderzüge bringen sie nachts bis Tabanovce, ein kleiner Grenzort nördlich von Skopje. Um 100 Kilometer transportiert werden zu können, muss man 25 Dollar bezahlen.”

 

Dienstag, 3. November, 10.40 Uhr:

“Mazedonien hat 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Obwohl die Landwirtschaft händeringend Arbeiter sucht. Mazedonien hat zugesagt, 2000 Flüchtlinge aufzunehmen, aber nur 70 haben hier Asyl beantragt.”

 

Dienstag, 3. November, 7.18 Uhr:

“In der letzten Nacht hatte es unter Null Grad in Skopje, und auch am Morgen ist es noch eisig. Ich will mir nicht vorstellen, dass jetzt noch Menschen draußen schlafen, höchstens mit einer Wolldecke ausgerüstet, um sich vor der bitteren Kälte zu schützen.”


Montag, 2. November, 17.20 Uhr:

“Um 16.10 Uhr landen wir am Startpunkt der Balkanroute, in Skopje. Übernachten werden wir im SOS Kinderdorf im Osten der Stadt. Hier leben 60 Kinder. Es sind keine Flüchtlinge, sondern – wie auch in Deutschland – einheimische Jungen und Mädchen, deren Eltern Sucht- und Gewaltprobleme haben. Deshalb wurden die Kinder von Mama und Papa getrennt. Neu ist, dass die Organisation SOS Kinderdörfer nun auch in die Flüchtlingsnothilfe einsteigt. Der Kern der Arbeit der Organisation ist, strukturell zu helfen. Was sie jetzt aufbaut: Nothilfe für die Flüchtlinge, die über Mazedonien nach Deutschland und Skandinavien wollen. Am Abend führen wir lange Gespräche über den Aufbau dieser Art von Hilfe einer Nichtregierungsorganisation. Hier betreten alle Neuland – sowohl die Politik, als auch die NGOs.”

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Ankunft am Flughafen “Alexander der Große”

IMG-20151103-WA0001 Das SOS-Kinderdorf in Skopje

“Beim Abendessen leistet uns der Manager der neuen Nothilfe Gesellschaft. Er erzählt, dass Sonderzüge die Flüchtlinge von Griechenland nach Serbien bringen – von Süd nach Nord. Flüchtlinge sind ein Geschäft, deshalb wurden die Preise von sechs auf 25 Euro pro Fahrt erhöht. Wer kein Geld hat, darf aber trotzdem mitfahren – Hauptsache, die Leute werden weitergebracht. Denn in Mazedonien will keiner bleiben. Die Arbeitslosigkeit wurde ‘auf 26 Prozent gesenkt’, verkündete die Regierung neulich stolz. Habiba, die 18 Jahre alt ist, im SOS Kinderdorf aufwuchs und heute eine Touristik-Ausbildung macht, bestätigt, dass es schwer ist, hier einen Job zu finden. “

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In der Innenstadt stehen große Denkmäler

“Das Durchschnittseinkommen der Mazedonier liegt bei etwa 350 Euro – doch das Leben hier ist nicht billig. So kostet ein Liter Milch einen Euro. Dafür steckte die Regierung zig Millionen in den schönen Schein: In der wiederaufgebauten Innenstadt stehen riesige Denkmäler von Philipp und Alexander dem Großen. Warum? ‘Um die nationale Identität herzustellen’, sagt SOS-Kinderdörfer-Mitarbeiter Srdjad. ‘Aber wozu die nationale Identität, wenn das Volk bettelarm ist?’
Später gibt es eine Vorstellung von Deutschland. Die 18-Jährige Habiba sagt, ohne je in der Bundesrepublik gewesen zu sein: ‘In Deutschland ist alles schön. Allein schon der Name: Germany. Eines Tages will ich dorthin.’ Srdjad, selbst Roma, sagt: ‘Roma wollen alle nach Deutschland. Viele haben Verwandtschaft dort. Dabei gibt es hier gute Integrationsprogramme. Aber sie träumen davon.’
Um die Schleuser auszubremsen, soll der Flüchtlingsstrom kanalisiert werden. Und zwar mit Sonderzügen und Transitzentren. Doch noch ist alles im Aufbau.”

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Montag, 2. November, 13.50 Uhr:

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Reporterin Christine Ulrich auf dem Flughafen in Ljubljana

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Der Flug über die Alpen in Richtung Ljubljana

“Es geht los! Wir sind heute Vormittag aus München abgeflogen. Ziel: Das mazedonische Skopje. Wir haben einen wunderbaren Flug, die Alpen glühen förmlich in der Sonne. Unser Flug geht von München über Ljubljana (Slowenien) in die mazedonische Hauptstadt Skopje. Ich melde mich jetzt vom Flughafen in Ljubljana. Unsere Reisegruppe ist sehr nett, wir reden viel über Flüchtlingspolitik. Ich habe gemischte Gefühle: Wie viel Elend werden wir sehen? Welche Erkenntnisse, welche Gefühle werden wir mitnehmen? Noch überwiegt die gute Sonnen-Laune und die Reiselust. In Kroatien und Slowenien war ich schon mal – zwei wunderschöne Länder. In Mazedonien und Serbien war ich noch nie …”

Unsere Reporterin auf der Balkanroute

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Der Flüchtlingsstrom führt unter anderem über die Balkanroute. Unsere Reporterin schaut sich den “Weg in die Freiheit” mal genauer an.

Tausende Flüchtlinge kommen täglich nach Deutschland, die meisten zurzeit über die sogenannte Balkanroute. Wer ist da unterwegs? Wie durchqueren die Menschen die Länder? Was erleben sie an den Grenzübergängen? Gemeinsam mit der Hilfsorganisation SOS Kinderdörfer reist unsere Reporterin Christine Ulrich entlang der Flüchtlingsroute. Fünf Tage in fünf Ländern. Start ist in Skopje/Mazedonien, weiter geht es nach Serbien, Kroatien und Slowenien bis Österreich. Christine Ulrich schaut sich Flüchtlingslager und Transitzentren an, übernachtet in Kinderdörfern und kleinen Pensionen. Was die Rückreise nach Deutschland betrifft: Abflugzeit und -ort sind noch offen. Je nachdem, wohin die Aktualität unsere Reporterin verschlägt. Ob irgendwo neue Zäune gebaut werden, neue Dramen entstehen, sich neue Hoffnungswege auftun. Hier berichtet unsere Reporterin laufend über ihre Erlebnisse mit den Menschen unterwegs.


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Autor: Christine Ulrich

Bilder: dpa, afp, Ulrich