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100. Geburtstag von Franz Josef Strauß: Das Leben des bayerischen Löwen

“Ich bin weder Heiliger noch Dämon, ich bin kein ausgeklügelt Buch, sondern ein Mensch in seinem Widerspruch.”

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Am 6. September 2015 würde Franz Josef Strauß (1915 – 1988) seinen 100. Geburtstag feiern. Wir zeigen das bewegte Leben des CSU-Chefs und bayerischen Ministerpräsidenten mit allen Höhen und Tiefen in einer Timeline. Kommentiert von Franz Josef Strauß selbst.

 

Kindheit in Schwabing

Franz Josef Strauß wird in München als Kind des Metzgermeisters Franz Josef Strauß (1875-1949) und seiner Ehefrau Walpurga (geb. Schießl, 1877-1962), geboren. Strauß senior betreibt in der Schellingstraße 49 in München eine Metzgerei.

Franz Josef Strauß / Das Geburtshaus in der Schellingstraße einst ... und 1984

 

“Ich kannte die Meinung meines Vaters über Hitler, den er für eine Ausgeburt des Teufels gehalten hat, was er de facto auch war. Wenn der Name Hitler fiel, schlug er das Kreuz, um den Dämon zu bannen.” (Franz Josef Strauß in seinen “Erinnerungen”)

Franz Josef Strauß / Kindheit / Franz Josef Strauß als kleiner Bub mit Vater Franz

Der kleine Franz Josef verbringt zusammen mit seiner älteren Schwester Maria die Kindheit und Jugend in seinem katholisch-konservativ geprägten Münchner Elternhaus. Sein Vater war Gründungsmitglied der Bayerischen Volkspartei (BVP), dem Arm des politischen Katholizismus im Freistaat.

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Im Bundestagswahlkampf 1980 erklärt Strauß gegenüber dem Spiegel:

 

„Mein politischer Stil ist durch meine Herkunft aus einer bayerischen Handwerkerfamilie geprägt. Wir Bayern setzen uns mit ganzem Herzen, temperamentvoll und impulsiv, für eine Sache ein, die wir mit kühlem Verstand als eine gute erkannt haben und mit einem sicheren Instinkt für das politisch Mögliche und Machbare zum Ziel führen.”


Klassenprimus

Auf Empfehlung des Professors für Patristik und Kirchliche Kunst an der Ludwig-Maximilians-Universität, Dr. Johannes Zellinger, dem die Talente des Jungen für alte Sprachen aufgefallen waren, tritt Franz Josef Strauß im Jahr 1927 in das renommierte Maximilians-Gymnasium über. (Zuvor besuchte er die Volkschule an der Amalienstraße und die Gisela-Realschule, das heutige Gisela-Gymnasium) Am Max-Gymnasium legt Franz Josef Strauß am 5. April 1935 das Abitur als Jahrgangsbester ab. Am 28.Oktober wird er in die Studienstiftung “Maximilianeum“ aufgenommen.

Abitur in Bayern

 

“Auf kostenlose Unterkunft und Verpflegung im Maximilianeum am Hochufer der Isar verzichtete ich, da die Wohnung meiner Eltern in unmittelbarer Nähe der Universität lag. Den Einzug in das Maximilianeum, in dem heute der bayerische Landtag Mieter ist, holte ich 1978 nach – als Abgeordneter und Bayerischer Ministerpräsident.” (Franz Josef Strauß in seinen “Erinnerungen”)

Studentenzeit  von Franz-Josef Strauß

Franz Josef Strauß belegt an der Ludwig-Maximilians-Universität München die Fächer Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaften, Klassische Philologie, Geschichte und allgemeine Volkswirtschaftslehre. Gegenüber dem „Spiegel“ verrät er Jahrzehnte später:

 

„Am liebsten wäre ich Professor für Geschichte an der Universität München geworden.“

Studienbuch von Franz-Josef Strauß

Das Studium wird durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs unterbrochen. Eine bei dem Althistoriker Walter Otto unter dem Titel “Justins Epitome der Historiae Philippicae des Trogus Pompeius” begonnene Dissertation  verbrennt während eines Luftangriffs im Jahr 1944.


Kriegsjahre

Franz Josef Strauß wird am 31. August 1939 zur Wehrmacht eingezogen. im Zweiten Weltkrieg dient er an der West- und an der Ostfront.

Franz Josef Strauß als Soldat an der Ostfront
Nach schweren Erfrierungen an der Ostfront wird Strauß Ausbildungsoffizier und Abteilungsadjutant an der Flakschule Altenstadt bei Schongau (der heutigen “Franz Josef Strauß Kaserne”).

Franz-Josef-Strauß - Kaserrne


Landrat in Schongau

Nach Kriegsende wird der als politisch unbelastet eingestufte Franz Josef Strauß von den amerikanischen Besatzern zunächst in Schongau interniert und nach einigen Tagen (wegen seiner Englischkenntnisse) zum stellvertretenden Landrat ernannt. 1946 wird er regulär zum Landrat gewählt. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern des CSU-Kreisverbandes in Schongau. Eines der wichtigsten Themen seiner Amtszeit als Landrat ist die Eingleiderung der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen.

 

„Wir als christlich-soziale Union mit unserer dem christlichen Sittengesetz verpflichteten Politik sahen es als selbstverständlich an, die Vertriebenen und Flüchtlinge bei uns in Bayern aufzunehmen. Es war also nicht allein eine nationale Aufgabe, zu tun, was in unserer Macht stand.“

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Die ersten Jahre in Bonn

Nach der Bundestagswahl vom 14. August 1949 vertritt Franz Josef Strauß (bis zu seinem Wechsel in die Landespolitik im Jahr 1978) die CSU als direkter Abgeordneter des Wahlkreises Weilheim im Deutschen Bundestag. Wegen seiner zunehmenden Aufgaben in der Bundespolitik legte er bereits zum Jahreswechsel 1948/49 das Amt des Landrats nieder.


CSU-Generalsekretär und Abgeordneter mit Ambitionen

Von Mai 1949 bis Dezember 1952 ist Franz Josef Strauß CSU-Generalsekretär. Eine Rede in der Bundestagsdebatte über die Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik im Februar 1952 begründet seinen Ruf als brillanter Rhetoriker und macht den CSU-Abgeordneten in ganz Deutschland bekannt. Nach den Ausführungen von Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und SPD-Chef Kurt Schumacher warnt Franz Josef Strauß vor einer militärischen Überlegenheit der Sowjetunion:

 

„So gern ich die beiden mitsammen sprechen sehe, so möchte ich doch Herrn Dr. Adenauer und Herrn Dr. Schumacher nicht gern hinter Stacheldraht im Ural sich darüber unterhalten sehen, was sie im Frühjahr 1952 hätten tun sollen.“

Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß / anno 1961


Bundesminister für besondere Aufgaben

Nach der Bundestagswahl 1953, lehnt Franz Josef Strauß das von Kanzler Konrad Adenauer angebotene Familienministerium ab. Als Bundesminister für besondere Aufgaben wird er Teil des zweiten Kabinetts Adenauer. Ein Amt, die ihn nicht ausfüllt. In seinen “Erinnerungen” blickt er zurück:

 

“Dem Arbeitsaufwand nach war das eine wunderbare Zeit. Ich bezog volles Ministergehalt, hatte keine Amtsverantwortung und einen weiten Spielraum. Aber irgendwie kam ich mir mit 38 Jahren wie pensioniert vor.”

Franz Josef Strauß und Konrad Adenauer/ Anno 1962

 

Dennoch sah er sich quasi gezwungen dieses Ministerium anzunehmen, da er Kanzler Adenauer nicht vergrätzen wollte, indem er zweimal ein Ministeramt ausschlug. In seinen “Erinnerungen” räumt er später ganz freimütig ein, dass er schon längst einen ganz anderen Posten im Visier hatte:

„Ich konnte und wollte aber die zweite Offerte des Bundeskanzlers nicht ausschlagen, weil ich in undefinierbarer Ferne das Verteidigungsministerium sah. Ich wollte der erste Verteidigungsminister der Bundesrepublik werden. Das ist mir nicht gelungen, ich bin der zweite geworden.“

 


 

Atomminister

Bald sollte er ein Amt mit wirklichem Gestaltungsspielraum bekommen. 1955 ernennt Kanzler Adenauer Franz Josef Strauß zum ersten Atomminister der Bundesrepublik. Ein Amt, das heute in Vergessenheit geraten ist. In den Fünfziger Jahren ein absolutes Zukunftsmimnisterium. In seinen „Erinnerungen“ beschreibt Franz Josef Strauß die hohen Erwartungen, die man damals in der Bundesrepublik an die Atomforschung herantrug:

 

„In der Bevölkerung herrschte großer Enthusiasmus für die Kernenergie. Man war stolz darauf, in einem wichtigen technischen Bereich wieder mit an der Spitze zu sein. Umweltschutz spielte damals keine Rolle, auf keiner politischen Seite. […] Neben der Möglichkeit, aus der Kernenergie ausreichend Strom zu einem vernünftigen Preis herstellen zu können, schien uns auch die Nuklearmedizin außerordentlich wichtig. […] Die Verwendung der Kernenergie zur Bestimmung des Alters von Gesteinsschichten oder von archäologischen Funden war ebenfalls ein revolutionärer und faszinierender Gedanke.“

 

Nachkriegszeit: Atomdiskussion mit Franz Josef Strauß

Als Atomminister leitete Franz Josef Strauß auch den Bau des ersten deutschen Atomreaktors in Garching in die Wege.

Garchinger Atom-Ei im Bau


Verteidigungsminister

Im Oktober 1956 löst Franz Josef Strauß den überforderten Theodor Blank als Bundesminister der Verteidigung ab. Strauß hatte seinen Vorgänger Blank offen kritisiert, nachdem sich dessen Pläne für den Aufbau der Bundeswehr als undurchführbar erwiesen. Die öffentliche Demontage zeigt Wirkung: Adenauer feuert Blank und überträgt Strauß das Verteidigungsministerium. Der CSU-Politiker treibt den Aufbau der Bundeswehr im Rahmen der NATO erfolgreich voran.

Franz Josef Strauss

Franz Josef Strauß

Als er Atomwaffen für die Bundeswehr fordert, warnen 18 prominente Naturwissenschaftler im “Göttinger Manifest” vor der atomaren Aufrüstung. Franz Josef Strauß spottet über einen der Unterzeichner, den Chemie-Nobelpreisträger Otto Hahn:

 

“Ein alter Trottel, der die Tränen nicht halten und nachts nicht schlafen kann, wenn er an Hiroshima denkt.”

Jahrhundert Chemiker Otto Hahn

In seinen “Erinnerungen” rechtfertigt Strauß die Atomwaffen-Pläne für die Bundeswehr rückblickend so:

„Das dominierende Motiv war, die Apokalypse des Krieges so zu steigern, dass er sich selber abschaffte, also die Abschaffung des Krieges durch die erschreckenden Folgen eines Krieges. Natürlich war bei der Einführung atomarer Waffenträger in der Bundeswehr auch der Gedanke der Wiedergewinnung deutscher Selbständigkeit und Souveränität mit im Spiel.“

Ausbildungseinheit für den Starfighter 1960 in Dienst gestellt

 


 

 

Hochzeit mit Marianne

Am 4. Juni 1957 heiratet Franz Josef Strauß Marianne Zwicknagl, mit deren Vater, einem Brauereibesitzer aus Rott am Inn, er seit der gemeinsamen Zeit als Mitglied des Wirtschaftsrates in Frankfurt freundschaftlich verbunden war. Franz Josef Strauß hatte seine spätere Frau auf dem Faschingsball der Münchner Kammerspiele am Rosenmontag 1957 kennengelernt. Geheiratet wird nicht einmal ein halbes Jahr später.

Hochzeit von Franz Josef Strauß Marianne Zwicknagl 1957

Die Feier wird von einem tragischen Unglück überschattet: Am Vorabend ertranken 15 junge Soldaten bei einer Bundeswehr-Übung in der Iller. Der Verteidigungsminister will bei der Rettungsaktion anwesend sein. Die Braut weint nach eigenem Bekunden die ganze Nacht durch. Aber Marianne begreift schnell, dass sie als Frau eines politischen  Shooting-Stars manche Opfer bringen muss.

Polterabend von Franz Josef Strauß und Marianne Zwicknagl


Strauß wird CSU-Chef

Franz Josef Strauß wird am 18. März 1961 mit 94,8 Prozent der Stimmen zum CSU-Vorsitzenden gewählt. Er übernimmt den Parteivorsitz von Hanns Seidel, der wegen einer schweren Krankheit zurückgetreten war. Franz Josef Strauß bleibt bis zu seinem Tod 1988 über ein Vierteljahrhundert CSU-Boss – und wird zum Übervater der Partei.

CSU-Parteitag in München 1974

 

“Ich bin nicht größenwahnsinnig, aber ich möchte auch mal erleben, daß jemand außer mir, einer von Ihnen hier, mehr als 2000 Leute mobilisieren kann, damit ich mir mei Ruah gönnen kann. Der Normalfall ist doch der, daß die in einem Hinterhof eines Dorfwirtshauses die Hälfte vollkriegen, wenn’s reden: Das ist doch der Normalfall überhaupt. “

Franz Josef Strauß 1976 vor CSU-Nachwuchspolitikern


Die “Spiegel-Affäre”

Es ist der erste Dämpfer in der Karriere des bis dahin unaufhaltsamen Aufsteigers aus Bayern: Wegen der „Spiegel-Affäre“ muss Franz Josef Strauß 1962 als Verteidigungsminister zurücktreten. Hintergrund: Die Redaktionsräume des Nachrichtenmagazins, das laufend kritisch und zuweilen aggressiv und nicht selten verzerrend über Strauß berichtet hatte, werden auf  Anordnung der Bundesanwaltschaft durchsucht.

60 Jahre Bundesrepublik - "Spiegel"-Affäre

Der Vorwurf des Landesverrats steht im Raum: In einem Artikel über das NATO-Manöver “Fallex 62″ berichtete der “Spiegel” über atomare Planungen der Bundeswehr.

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Herausgeber Rudolf Augstein und Redakteur Conrad Ahlers kommen in Haft. Letzterer wird sogar von der spanischen Polizei in den Knast gesteckt.

60 Jahre Bundesrepublik - "Spiegel"-Affäre

Strauß leugnet zunächst rundheraus, beim Vorgehen gegen den “Spiegel” eine Rolle gespielt zu haben. Schließlich gesteht er ein, persönlich für die Verhaftung von Ahlers in Spanien gesorgt zu haben. Zunächst stellt Kanzler Adenauer sich vor seinen Verteidigungsminister.

"Spiegel"-Affäre - Debatte im Deutschen Bundestag

Doch der ist nicht mehr zu halten. Als fünf FDP-Minister aus Protest zurücktreten, verzichtet Strauß am 30. November auf sein Amt, um eine Neubildung der Regierung zu ermöglichen. Trotz der schwelenden Spiegel-Affäre holt die CSU bei der Landtagswahl am 25. November erstmals die absolute Mehrheit in Bayern.

60 Jahre Bundesrepublik - "Spiegel"-Affäre


Zurück an die Uni

Nach dem Verlust des Ministeramtes zieht es Franz Josef Strauß wieder an die Uni. Neben seiner Politiker-Karriere immatrikuliert er sich an den Universitäten in München und Innsbruck in den Fächern Betriebswirtschaft und Staatswissenschaften.


Comeback als “Kröte” im Kabinett

Vier Jahre nach dem Rücktritt als Verteidigungsminister kehrt Franz Josef Strauß in die Regierung zurück. Nach dem Rücktritt von Bundeskanzler Ludwig Erhard bilden CDU und CSU mit der SPD im November 1966 eine Große Koalition unter Bundeskanzler
Kurt Georg Kiesinger (CDU). Franz Josef Strauß wird Finanzminister.

Franz Josef Strauß wird Bundesfinanzminister & Vereidigung / Anno 1966

Die Sozialdemokraten müssen die Personalie im Deal für die Regierungsbeteieligung hinnehmen – immerhin gehören Strauß und die CSU zu den wichtigsten Unterstützern einer Kanzlerschaft Kiesingers. Der 2011 verstorbene frühere SPD-Spitzenpolitiker Hans Apel erinnerte sich rückblickend:

 

“Ich weiß aber noch, dass wir das eigentlich nicht wollten. Und dann kam der Ausspruch von Helmut Schmidt: ‘Diese Kröte müssen wir schlucken, Genossen!’ Und das fanden wir wirklich so: Wir müssen ‘ne Kröte schlucken.”


Plisch und Plum

Mit SPD-Wirtschaftsminister Karl Schiller bildet er ein höchst erfolgreiches Duo: Durch Steuersenkungen verzichtet der Finanzminister trotz leerer Staatskassen auf Einnahmen. Diese sogenannte antizyklische Finanzpolitik bringt die Wirtschaft wieder in Schwung. Innerhalb kurzer Zeit wird die Rezession überwunden und es herrscht wieder Vollbeschäftigung. Strauß und Schiller werden im Volksmund “Plisch und Plum” genannt.

Franz Josef Strauß und Prof. Karl Schiller


Kämpfer gegen die Regierung Brandt

Bei der Bundestagswahl 1969 verfehlt die Union nur knapp die absolute Mehrheit und landet erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik in der Opposition. SPD und FDP bilden unter Kanzler Willy Brandt (SPD) die Regierung. Als maßgebender Sprecher der CDU/CSU-Opposition in Bonn geißelt Strauß unablässig die Finanz- und Wirtschaftspolitik der neuen Regierung Brandt. Und er tritt als einer der schärfsten Kritiker der “neuen Ostpolitik” auf , mit der die sozialliberale Koalition gegenüber dem kommunistischen Ostblock auf “Wandel durch Annäherung” setzt.

Franz Josef Strauß / Portrait 1980-1985


Rekordergebnis in Bayern

Bei den Landtagswahlen in Bayern holt die CSU am 27. Oktober 1974 mit 62,1 Prozent der Stimmen unter Parteichaef Franz Josef Strauß und Ministerpräsident Alfons Goppel ein Rekordergebnis. Bis heute hat die an absolute Mehrheiten gewöhnte CSU diese Marke nicht mehr knacken können.

Reproarchiv


Politskandal! Die “Sonhofener Rede”

Auf einer Klausurtagung im Hochzeitszimmer des Hotels “Sonnenalp” in Ofterschwang bei Sonthofen wettert Franz Josef Strauß am 19. November 1974 vor der CSU-Landesgruppe massiv über die SPD/FDP-Regierung – und deren Unfähigkeit, mit dem RAF-Terrorismus fertig zu werden. Sein Rezept für die Auseinandersetzung mit der Regierung:

 

„Wir müssen sagen, die SPD und FDP überlassen diesen Staat kriminellen und politischen Gangstern. Und zwischen kriminellen und politischen Gangstern ist nicht der geringste Unterschied, sie sind alle miteinander Verbrecher. Und wenn wir hinkommen und räumen so auf, daß bis zum Rest dieses Jahrhunderts von diesen Banditen keiner es mehr wagt, in Deutschland das Maul aufzumachen.“

Franz Josef Strauß / 1976

Ein Mitschnitt der Skandal-Rede landet ausgerechnet beim „Spiegel“, der die Abrechnung im März 1975 abdruckt. Auch Helmut Kohl bekommt in der Rede sein Fett weg. Strauß wirft ihm vor, hinter seinem Rücken mit SPD-Kanzler Schmidt über eine Koalition zu verhandeln. Aber: Der Polit-Skandal hilft dem Strauß-Rivalen. Ministerpräsident Kohl fährt bei der Landtagswahl das Rekordergebnis von 53,9 Prozent ein. Derart gestärkt gilt er zum Ärger von Strauß als potentieller Kanzlerkandidat der Union für die nächste Wahl.

Bundestagswahl historisch


Kommunistenfresser in China

Politische Sensation: Ausgerechnet die konservative Gallionsfigur Strauß besucht die kommunistische Volksrepublik China. Überraschend wird er von Machthaber Mao Tse-tung und Regierungschef Chou En-Lai empfangen. Diese Ehre wurde noch keinem deutschen Politiker zuteil. Mit den Kommunisten führt er außenpolitische Diskussionen. Wohl wichtigste Gemeinsamkeit der ungleichen Gesprächspartner: Genau wie Strauß können auch die Chinesen die Sowjetunion nicht ausstehen.


Bundestagswahl 1976

Bei der Bundestagswahl einigen sich CDU und CSU auf Helmut Kohl als gemeinsamen Kanzlerkandidaten. Strauß ist in Kohls  Führungsmannschaft für den Posten des Vizekanzlers und Finanzministers vorgesehen.

Bundestagswahl historisch

Der CSU-Chef fordert unter der Parole “Freiheit oder Sozialismus!” eine knallharte Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner. Die CDU schwächt den Slogan im Wahlkampf ab zu “Freiheit statt Sozialismus!”. Die Union holt zwar mit 48,6 Prozent ein Top-Ergebnis. Eine Ablösung der Regierung scheitert aber knapp. Die Niederlage führt Franz Josef Strauß auf viel zu harmlosen Wahlkampf der CDU zurück. Das hat Folgen…


Der Kreuther Trennungsbeschluss

Auf ihrer Klausurtagung in Wildbad Kreuth beschließt die CSU-Landesgruppe am 19. November 1976, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU-Fraktion nicht mehr fortzusetzen. Die CSU will künftig bundesweit als vierte Partei (neben CDU, SPD und FDP) antreten. Franz Josef Strauß erhofft sich so künftige Mehrheiten durch ein Bündnis aus liberalkonservativer CDU und nationalkonservativer CSU. In einer vertraulichen Wutrede vor JU-Nachwuchspolitikern in einer Münchner Wienerwald-Filiale (deren Abschrift später ebenfalls beim “Spiegel” landete) macht Strauß klar, was er wirklich von Kohl hält:

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“Ich halte Herrn Kohl, den ich nur im Wissen…. den ich trotz meines Wissens um seine Unzulänglichkeit um des Friedens willen als Kanzlerkandidaten unterstützt habe,… wird nie Kanzler werden. Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür.”

Als Reaktion auf den Trennungsbeschluss kündigt CDU-Chef Helmut Kohl an, in diesem Fall die CDU auch in Bayern antreten zu lassen. Was für die CSU faktisch den Verlust der Alleinregierung bedeuten würde. Strauß und die CSU-Führung bekommen kalte Füße. Im Dezember wird der Trennungsbeschluss von der CSU-Landesgruppe wieder aufgehoben.

CSU-Parteitag in München / Helmut Kohl und Franz Josef Strauß / Anno 1974


Ministerpräsident von Bayern

Bei der Landtagswahl im Oktober 1978 holt die CSU 59,1 Prozent. Franz Josef Strauß, der als Spitzenkandidat in Oberbayern kandidierte, kündigt an, sein Bundestagsmandat niederzulegen und in die Landespolitik zu wechseln. Am 6. November wird Franz Josef Strauß vom Landtag zum Ministerpräsidenten gewählt. In den Medien wird der Wechsel nach München auch so interpretiert, dass Strauß das Amt des Ministerpräsidenten als Sprungbrett für eine Kanzlerkandidatur nutzen will. Zumal Vorgänger Alfons Goppel keineswegs als amtsmüde gilt.

Franz-Josef STRAUSS

In den zehn Jahren seiner Amtszeit setzt Franz Josef Strauß die Politik seiner Vorgänger konsequent fort, den Agrarstaat Bayern in einen zukunftsorientierten Industriestaat
zu verwandeln. Zentrale Themen seiner Amtszeit sind eine volksnahe und bürgerfreundliche Politik sowie die Förderung von Wirtschaft und Forschung. Strauß will das Land modernisieren, dabei aber die Traditionen bewahren. Er legt den Grundstein für das Image von „Laptop und Lederhose“, das Bayern heute prägt.

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Der Kanzlerkandidat

Am 2. Juli nominiert die Unionsfraktion Franz Josef Strauß als Kanzlerkandidaten der Union für die Bundestagswahl 1980. Strauß setzte sich erst nach einem erbitterten Streit mit dem CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl durch. Der CDU-Vorstand hatte auf Kohls Vorschlag zunächst den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht nominiert. Im Alter von 64 Jahren ist es für Franz Josef Strauß die einzige Chance, das Amt des Bundeskanzlers zu gewinnen.

Bundestagswahl historisch


Wahlkampf 1980

Der Bundestagswahlkampf des Jahres 1980 peitscht die Bundesrepublik auf wie kein anderer zuvor. Für Linke und Liberale ist der nationalkonservative Kommunistenfresser Strauß ein Schreckgespenst. Unter dem Wahlkampfslogan „Stoppt Strauß“ wollen sie seinen Sieg um jeden Preis vermeiden. Für die sozialliberale Koalition und Helmut Schmidt werben Künstler und linke Intellektuelle, die Strauß nicht selten als „Faschisten“ oder „Kriegstreiber“ verunglimpfen.

"Fahr zur Hölle"- Großdemonstrationen gegen Franz Josef Strauß anlässlich eines CDU-Parteitags in Berlin

Für Strauß, den Bewerber der Opposition, machen Bürgerinitiativen wie etwa die Initiative “Demokraten für Strauß” oder Spitzensportler Wahlkampf.

Bundestagswahl historisch

Von Anfang an führt Amtsinhaber Helmut Schmidt einen Lagerwahlkampf. Er greift Strauß auf der persönlichen Ebene an. So nennt er den CSU-Chef einen „Mann des Unfriedens und des Streits“ und den „meist umstrittenen Mann der deutschen Nachkriegspolitik.“

Bundestagswahl historisch

SPD-Minister Hans Apel urteilt rückblickend über den Wahlkampf 1980:

„Man ging natürlich zur Sache. Wenn die Argumente fehlen, müssen die persönlichen Angriffe her.“

Franz Josef Strauß beantwortete die persönlichen Angriffe Schmidts, indem er bei jeder Gelegenheit betonte, der Amtsinhaber könne ihm im Hinblick auf die politische Kompetenz nicht das Wasser reichen. So sagte Strauß der Wochenzeitung “Die Zeit” im September 1980:

“Schmidt ist der bessere Schauspieler, ich bin der bessere Politiker”.

Bundestagswahl historisch

Zuweilen kommt es bei Auftritten von Strauß, der zehntausende Menschen mobilisiert, zu Ausschreitungen. Mit hohem persönlichem Einsatz spricht Strauß auf Wahlkampfveranstaltungen mit zehntausenden Zuhörern in der ganzen Bundesrepublik. Und besucht auch mal die Kumpel in einem Bergwerk im Ruhrpott – ein eher ungewohnter Termin für den Mann aus München. Ergebnis der Bundestagswahl 1980: Die Union wird stärkste Fraktion im neuen Bundestag. Am Ende reicht es aber nicht, um Helmut Schmidt abzulösen.

Franz-Josef-Strauß besucht Kohlebergwerk im Bundestatgswahlkampf 1980

 

„1980 war ich Kanzlerkandidat – von der FDP wütend bekämpft, von der SPD ohnehin, getragen nur von der CSU und von weiten Teilen der CDU, wenn auch von Teilen der CDU kaum. In dieser Situation erlangten CDU und CSU zusammen 44,5 Prozent – die CSU allein erreichte an die 58 Prozent -, die SPD kam nur auf 42,9 Prozent. Durch die Haltung der FDP, durch ihre Bindung an die alte Koalition bin ich nicht zum Ziel gekommen.“ (Franz Josef Strauß in seinen „Erinnerungen“)


 Regierungswechsel in Bonn

Helmut Kohl wird am 1. Oktober 1982 durch ein Konstruktives Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt zum Bundeskanzler gewählt. Die FDP war zuvor aus der Koalition mit der SPD ausgestiegen und wählt Schmidt mit der Union ab. Strauß lehnt einen Ministerposten unter seinem Rivalen Helmut Kohl ab.

Bundestagswahl historisch

Der CSU-Chef fordert möglichst rasche Neuwahlen, in der Hoffnung, dass die von ihm verhasste FDP wegen des Unmuts über ihren Seitenwechsel aus dem Parlament fliegt und die Union die absolute Mehrheit holt. Helmut Kohl, der die Liberalen als künftigen Koalitionspartner erhalten will, setzt aber einen Wahltermin im März 1983 durch. Bei der Bundestagswahl schafft die FDP knapp den Wiedereinzug.


Milliardenkredit für die DDR

Ausgerechnet der Antikommunist Franz Josef Strauß vermittelt der Regierung der DDR einen Kredit der Bayerischen Landesbank in Höhe von einer Milliarde D-Mark. Damit wird der Staatsbankrott des kommunistischen Deutschlands abgewendet. Als Gegenleistung baut die DDR bis Ende 1984 Teile der Selbstschussanlagen ab. Zudem wird der Grenzverkehr für westdeutsche Besucher erleichtert und der Zwangsumtausch für Rentner und Invaliden herabgesetzt.

Gedenkstätte Behrungen

Nicht wenige Konservative werfen Strauß eine Abwendung von seinen Prinzipien in der Deutschlandpolitik vor. Die CSU straft ihren Vorsitzenden auf dem Parteitag im Juli 1983 bei der Wiederwahl mit einem verhältnismäßig mageren Ergebnis von nur 77 Prozent ab. Aus Protest gegen die Vermittlung des Milliardenkredits an die DDR
gründen die aus der CSU ausgetretenen Bundestagsabgeordneten Franz Handlos und Ekkehardt Voigt zusammen mit dem Journalisten Franz Schönhuber im November die Rechtsaußen-Partei “Die Republikaner”.


Strauß trifft Honecker

Im Juli 1983, wenige Wochen nach Unterzeichnung der Verträge für den Milliardenkredit, besucht Franz Josef Strauß die Tschechoslowakei, Polen und die DDR. Am Werbellinsee in Brandeburg trifft Strauß den DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker. Strauß und Honecker entwickeln ein gutes Arbeitsverhältnis.

Franz Josef Strauß und Erich Honecker

Strauß schreibt in seinen “Erinnerungen” auffällig positiv über Honecker:

 

“Honecker ist ein lebendiger Erzähler, wenn es beispielsweise um Jagderlebnisse geht oder um Ereignisse aus seinem Leben. Er ist ein Liebhaber guter, trockener Weine. Zu seinem 75. Geburtstag schenkte ich ihm eine große Kiste mit 50 Flaschen der besten fränkischen Weißweine, die es in Bayern gibt. Damit hätte ich ihm eine große Freude erwiesen, meinte er”

Der Kommunistenfresser und der Kommunistenführer treffen sich noch mehrfach sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR. Die DDR-Protokolle der Treffen von Honecker und Strauß sind in den Beständen des Bundesarchivs inzwischen online lesbar.


Marianne Strauß verunglückt tödlich

Am 22. Juni 1984 stirbt Marianne Strauß bei einem Autounfall. Auf einer Straße zwischen Rottach-Egern und Kreuth kommt sie mit ihrem Mercedes von der Straße ab und rammt eine Böschung. Bei dem Aufprall bricht sie sich das Genick und ist sofort tot. Vermutlich erlitt sie am Steuer einen Herzinfarkt. Der Verlust seiner Frau trifft Franz Josef Strauß tief. In den nächsten Jahren wächst seine Tochter Monika zunehmend in die Rolle der Landesmutter hinein. Sie begleitet ihren Vater bei repräsentativen Terminen.

Beerdigung Marianne Strauß


Bau der WAA in Wackersdorf

Es ist eines der umstrittensten Projekte des Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß: Der Bau der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf. Die Pläne zur Errichtung der WAA führen von 1985 an zu jahrelangen, teils gewalttätigen Demonstrationen auf dem Baugelände.

25 Jahre Krawalle Wackersdorf

Auch nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 beteht Ministerpräsident Strauß vor dem Bayerischen Landtag auf der Nutzung und dem Ausbau der Kernenergie sowie der Errichtung der WAA in Wackersdorf. Das Projekt wurde erst unter Max Streibl, dem Nachfolger von Franz Josef Strauß als Ministerpräsident, gestoppt.

Demo Wackersdorf

Ehemaliges WAA-Gelände in Wackersdorf


Strauß fliegt nach Moskau

Begleitet von Edmund Stoiber, Gerold Tandler und Theo Waigel
reist Franz Josef Strauß am 27. Dezember 1987 zum ersten Mal in die Sowjetunion. Strauß steuert die Maschine nach Moskau selbst. Dort trifft er sich mit dem Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow. Nach einem über zwei Stunden langen Gespräch zeigte sich der kalte Krieger Strauß beeindruckt von den Reformvorstellungen Gorbatschows.

Stoiber tritt von allen Ämtern zurück


Tod in Regensburg

In seinen letzten Lebensjahren ist Franz Josef Strauß gesundheitlich angeschlagen: Er leidet unter Übergewicht, Kurzatmigkeit, Diabetes. Auf einer Jagdgesellschaft des Fürsten Thurn und Taxis bricht Strauß am 1. Oktober 1988 zusammen und wird in Regensburg ins Krankenhaus eingeliefert. Dort stirbt er am 3. Oktober 1988, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

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Trauer um Franz Josef Strauß

In Bayern löst die Nachricht vom Tod von Franz Josef Strauß Bestürzung und tiefe Trauer aus, viele Menschen weinen auf der Straße. Politiker aus aller Welt verneigen sich vor dem Toten. In München wird der mit weißen Chrysanthemen und Rosen geschmückte Sarg im Prinz-Carl-Palais aufgebahrt, damit die Bevölkerung Abschied nehmen kann. Zehntausende stehen in langen Schlangen an, um am Sarg vorbeizudefilieren.

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Trauerzug mit dem verstorbenen Franz Josef Strauß

Joseph Ratzinger ist neuer Papst -  Benedikt XVI.

„Wie eine Eiche ist er vor uns gestanden, kraftvoll, lebendig, unverwüstlich, so schien es. Und wie eine Eiche ist er gefällt worden“

Jospeh Kardinal Ratzinger (später Papst Benedikt XVI.) bei der Beisetzung von Franz Josef Strauß in Rott am Inn

“Mit dem Tod von Franz Josef Strauß ist die deutsche Politik ärmer geworden …
Er war ein Mensch, der die Geschichte kannte und der aus der Geschichte lebte.
Er war einer, der wußte, daß die Welt von morgen nur gestaltet werden kann,
wenn man die Welt von gestern und heute begreift …”
Bundeskanzler Helmut Kohl

“Bei allen Auseinandersetzungen waren es Respekt und menschliche Neigung,
die mich mit Franz Josef Strauß verbunden haben. Sein Tod hat auch mich ärmer
gemacht.”

Altbundeskanzler Helmut Schmidt zum Tod von Franz Josef Strauß


Autor: Franz Rohleder

Bilder: dpa, Archiv, MZV